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Harte Realitäten

Heute war ein verrückter Tag. So sagen wir, wenn zu geplanten Patienten noch irgendwelche Notfälle in grösserer Anzahl dazukommen. Verrückt ist, dass alle Patienten eines gemeinsam haben: sie sind völlig überzeugt, dass wir sie in jedem Fall heilen werden – egal was sie haben. Wir haben fast den Mythos von Wunderheilern. Sind wir halt nicht. Inzwischen ist dieser Ruf uns soweit „vorausgeeilt“, das albanische Emigranten aus Amerika und Schweden an ihre Angehörige hier Fotos schicken, damit die Schwestern aus Dobrac Rat geben.

Nun heute stand da eine Frau vor der Tür, die hat sich die heisse Milch über die Beine geschüttet. Die Frau hat die Brandwunden gleich mal mit Tomatensauce und Olivenöl eingeschmiert. Die Sosse lief runter und riecht auf heissen Wunden auch immer seltsam. Ich gebe zu, ich esse Tomatensauce nicht mehr so gerne. Dann stand der nächste Patient vor der Tür. Er hat sich die Hand verbrannt und zwar heftig. Dann eine dritte Verbrennung – wenigstens nur mit heissem Wasser.

Dann wartet im Gang ein junger Mann. Marco streckt mir seine Krallenhand entgegen. Er arbeitete in Deutschland schwarz auf dem Bau. Vor einigen Monaten fiel er vom Gerüst und das Glas einer Fensterscheibe durchschnitt ihm am Handgelenk Sehnen, Nerven, Gefässe…  Er kam in eine Unfallklinik, wurde operiert, nach einer Woche entlassen – mit der Aussage, dass alles mit der Zeit auch wieder funktionieren werde. Dann wurde er nach Albanien zurückgeschickt. Seine Hand ist eine Katastrophe. Er hat eine Krallenhand mit völligen Kontrakturen. Nun kam er hierher, um mir seine Hand zu zeigen und zu fragen, ob ich diese Hand denn nicht richten könne, er müsse doch wieder arbeiten. Ich versuchte ihm zu erklären, dass diese Hand nie mehr eine normale Funktion haben werde. Er hat schon verstanden, aber Ärzte hier haben ihm versprochen, für ganz viel Geld mit zwei Operationen alles wieder in Ordnung zu bringen. Ich habe ihm klar gesagt, dass es aus meiner Sicht ganz einfach Betrug ist, so etwas zu versprechen. Wie es nun mit ihm weitergeht, das müssen wir sehen. In jedem Fall gehört er nun in unseren „Betreuungskreis“. Wir können ihn ja nicht hockenlassen.

 

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