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Alltagswunder in schweren Zeiten

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde in der Heimat,

Die Fastenzeit hat begonnen, die Zeit der Vorbereitung auf das Leben – durch alle Tode hindurch. Draussen in unserem Garten blühen die Osterglocken und der Frühling ist eingekehrt. Viele Tage waren wir im Bangen um eine weitere grosse Hochwasser-katastrophe. Bange und Hoffen – jeden Tag, jede Nacht – so lange drei Wochen lang. Das Wasser ist da und war da, aber wir können nur dankbar sagen: Gott sei DANK – wir wurden vor dem Schlimmsten bewahrt. Ja, das Wasser steht noch und stinkt teilweise in den Gärten, Wiesen und Feldern, aber das Frühlingswetter lässt die Hoffnung wachsen. Und wir machen Pläne für die Aufräumphase. Viele Brunnen müssen desinfiziert werden, viel Müll muss weggeräumt werden, Kanäle brauchen grundlegend Säuberung.

Ich denke auch noch an all die Glückwünsche zum Bundesverdienstkreuz und möchte Euch allen DANKE sagen dafür. Wir sind überwältigt von so viel wohlwollender Resonanz. Und da möchte ich nun von Menschen erzählen, die jeden Tag so ein Verdienstkreuz ver-dient hätten. Sie tragen ihr Schicksal, ihre Armut und ich frage mich manchmal, wie dies noch möglich ist. Manchmal denke ich dabei an Wunder des menschlichen Überlebens, an zarte Berührung der Seelen, von denen ich keine Ahnung habe, ich jedoch sehr behutsam und achtsam damit umgehen möchte.

Da ist unser Lushi, so ziemlich jeden Tag total betrunken; ertrunken im Elend nach dem Verlassen der Berge, nachdem er nun während Corona auch als Tagelöhner keine Arbeit mehr findet. Regelmässig, mindestens jeden zweiten Tag steht er nun vor unserem Tor. Seit kurzer Zeit kann er das Schloss öffnen und steht somit unmittelbar an der Haustüre. Neulich, noch bei strömendem Regen, liess er sich grölend, fluchend, schreiend vor dem Tor nieder. Er war entschlossen, nicht zu gehen, bevor wir ihm nicht Tierfutter bezahlen. Er weiss jedoch ganz genau, dass wir ihm kein Geld in die Hand geben. Immer wieder erstaunt uns, wie er uns aber letztlich respektiert. Ich ging raus und wollte ihn schlichtweg nach Hause schicken. Er liess sich dann endgültig nieder und sass in der Wasserpfütze. Lushi kriegt man nicht so einfach los. Das hätte ich eigentlich wissen müssen. Ich liess ihn erstmal sitzen und grölen. Dann kam ich auf die Idee, ihm einen Teller mit Essen zu bringen, denn es war Mittag. Vorsichtshalber reichte ich es ihm durch den Zaun. Er stand sofort auf, gab mir den Löffel in die Hand und bat mich, ihm das Essen zu geben. Er hatte Heisshunger. Bei jedem Löffel strahlte er mehr und als der Teller leer war, fragte Lushi, ob er diesen Teller mitnehmen dürfe, denn er sei überzeugt, dass da nun jeden Tag das Essen für ihn drin sei. Nach Handkuss – trotz Corona – ging er dann des Weges. Seitdem bekommt er hier seine Mahlzeit. Und nun hatte Sr. Michaela heute die Idee, dass wir ihn zum Säubern des Kanals anstellen und dafür bezahlen. Er ist zudem hoch intelligent und wir hoffen, dass er sich stabilisiert.

Und da ist Tonia. Sie hat drei Kinder; die Älteste ist 13 Jahre. Ihr Mann ist arbeitslos und krank. Tonia schmeisst den Laden ohne Klage. Jetzt beim Hochwasser ist das Wasser in der letzten Sturm-Nacht ins Haus gedrungen. Wir trafen sie, als sie ihre Kinder zu den Gross-eltern ins Trockene brachte. Tonia geht jeden Tag in die Fabrik. Dort verdient sie zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Jeden Tag schob sie ihr Fahrrad 80 cm durchs Hoch-wasser. Ich traf sie dann patschnass zur Fabrik radelnd. Es ist klar, dass wir ihr sofort hohe Fischerstiefel gebracht haben. Ihre Kinder sind immer gewaschen, sie gehen regelmässig zur Schule, sie kommen immer in die Gruppenstunden. Tonia klagt nie, nie. Wir konnten der Familie wenigstens noch rechtzeitig Ziegelsteine zum Hochstellen der Möbel bringen, bevor das Wasser alles einnahm. Tonia ist eine von vielen albanischen Frauen, die jeden Tag wie ein Bollwerk gegen die wachsende Resignation stehen, die jeden Tag ihre Überlebens-strategie und ihren unbändigen Lebenswillen der um sich greifenden Passivität ihrer Männer trotzen. Ich habe vor, Tonia in unsere vor einigen Monaten gegründete Frauengruppe einzuladen. Diese Gruppe ist wie ein aufkeimender Blumensame und ich bin gespannt, was daraus noch wird. Leise und erstaunt lernen sie die Welt kennen, in der man Meinung haben darf, seine Gedanken austauschen kann. Sie sind noch sehr scheu, wenn sie einfach einen Kaffee trinken dürfen, da sein können und mal eine Stunde nichts tun müssen – gar nichts – nicht mal beten. Neulich habe ich mit ihnen einfach eine Atemübung gemacht und eine Frau fing zu weinen an und sie sagte: «Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich gespürt, dass ich atme». Tonia muss dies auch tun dürfen: einfach Dasein und atmen – inmitten der Armut, inmitten der harten Fabrikbedingungen, die kein Wahrnehmen der eigenen Befindlichkeit zulässt.

Und da ist noch Abraham. Viele fragen immer wieder, wie es ihm denn geht. Nun, er wurde jetzt am 19. Februar 14 Jahre alt. Und wir sind glatt stolz auf ihn, wie er so sein Leben im Rollstuhl lebt. Was mich stark bewegt, ist vor einigen Tagen geschehen: In der Schule hat Abri gerade in Geschichte den 2. Weltkrieg. Er interessiert sich total für Geschichte und möchte immer wieder Dokumentationen über einzelne Epochen per Video gucken. Nun, er wollte dann auch Dokus über den 2. Weltkrieg angucken. Und er wählte auch einen Bericht über Euthanasie an Behinderten während der Nazizeit aus. Ich schluckte, aber es war mir klar, dass ich ihm das auch erlaube. Und er bat – wie meistens – dass ich diese Doku mit ihm gucke. Wir beide waren sehr still und ich beobachtete ihn natürlich auch. Irgendwann stoppte Abraham das Video kurz und stellte dann lakonisch fest: «Mom, der hätte mich auch getötet». Beklommen nickte ich. Nach dem Film fragte er nur noch belanglose Sachen und meinte, er möchte jetzt nicht weiter drüber reden. Ich verstand. Zwei Tage später musste er für den Geschichtsunterricht einen Bericht über die Hitlerzeit vorbereiten. Er sagte mir, ich müsse ihn gar nicht abfragen, er wisse genau, was er sage. Als er an diesem Tag von der Schule kam, sagte er mir folgendes: «Mom, ich habe in Geschichte das erzählt, wie der Hitler uns getötet hat».

Und in dieser Auseinandersetzung, da hat der Abri zwei gute Freunde und die drei Jungs machen nun auch beim Projekt »Kreuzweg» mit. Sie «drehten» die Station: «Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen».

Da bin ich noch bei einer Ankündigung:

Das Projekt »Kreuzweg». Ab dem 14. März wird für 14 Tage jeden Tag eine Kreuzweg-station dargestellt und über unsere Homepage ins Internet gestellt. Die Kreuzwegstationen werden von verschiedenen Gruppen und auch Einzelpersonen gestaltet – alles nonverbal. Da sind Schulklassen dabei, die drei Freunde eben, Jugendgruppen, ältere Menschen, ein Jesuitenkolleg usw. Immer am Abend um 20 Uhr bieten wir dann zur jeweiligen Station per Zoom eine Austauschmöglichkeit an. Das Ganze ist jetzt schon in der Zeit der Vorbereitung sehr spannend. Eine Teilnehmerin hat gesagt: «Es sind jetzt schon für mich Fasten-exerzitien». Ich freue mich, dass viele unterschiedliche Gruppen länderübergreifend beteiligt sind und die Sprache keine Rolle spielt. Wer sich in diesen Tagen einklinken möchte, ist herzlich eingeladen. Wir geben kurz vorher noch die weiteren notwendigen Informationen dafür bekannt.

Nun schliesse ich mit der Vorstellung eines kleinen Besuchers unseres Klosters: fast jeden Abend kommt «ein Vogerl» geflogen. Eine Amsel hat ihr Nachtlager im Seiteneingang bei unserer Kapelle gewählt. Sie kommt bei Einbruch der Dunkelheit, lässt sich auf dem roten Kasten vom Feuerwehrschlauch nieder und bei Tagesanbruch ist sie lautlos wieder ver-schwunden. Das Vögele gehört schon richtig zur Klosterfamilie. Wir schliessen den warmen Nachtvorhang schon immer früher, damit wir es nicht im Anflug vertreiben. Und Sr. Michaela oder ich gucken dann später ganz vorsichtig, ob das Vögele da ist. Dies ist schon fast ein Ritual geworden und es ist, als bringe es uns die Leichtigkeit des Lebens und vielleicht hat es ja auch eines Tages ein «Zetterl im Schnabel». Wer weiss!

Nun wünschen wir Euch allen eine gesegnete Fastenzeit. Kardinal Schönborn hat am Aschermittwoch von der Fastenzeit als der Zeit gesprochen, in der wir die tiefe Freude am Leben, an Gott und aneinander entdecken dürfen. Und dies wünsche ich inmitten einer nicht so leichten Zeit.

Mit herzlichem Segensgruss
Sr. Christina

 

blumen februar 2021

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