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Das Zeichen

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde in der Heimat

Der erste Rundbrief im neuen Jahr von hier steht für mich unter dem Zeichen einer Hoffnung, die viele von Euch uns in den letzten Wochen vermittelt haben. Es sind Hoffnungsschimmer für unsere Armen und vor allem für jene, die Ende November vom schweren Erdbeben getroffen wurden. Ich möchte einfach DANKE sagen. Gott vergelt`s!

Das andere Zeichen, das Zeichen, das Hoffnung zunichte gemacht hat, ist seitdem an viele zerstörte Häuser mit Menschenhand gemalt. Es ist der gelbe Kreis mit dem X. «Nicht mehr bewohnbar» lautet diese Diagnose! Eben komme ich vom Dorf, wo wir allenthalben dieses Zeichen an den Häusern finden. Es ist ein vergessenes Dorf im Gebiet des Epizentrums der Katastrophe. Das Dorf ist auf dem Rücken des Berges in der Nähe vom Meer gebaut. Da ist nur Lehm und magere Erde. Mit Niko, unserem Mitarbeiter, sind wir fast täglich vor Ort. Dieser Mann arbeitet beinahe Tag und Nacht. Ich mache heute vor allem eine Runde mit Niko, um die Kranken und schwerer Traumatisierten zu besuchen. Vier Familien versuchen wir heute zu erreichen. Die Wege sind schlecht, der Anfahrtsweg ist 2 ½ Stunden. Gott sei Dank ist das Wetter gut. Wir fahren ein paar Serpentinen; der Belag ist gerissen, die Schlaglöcher verpassen uns eine Rückenmassage. Plötzlich verlangsamt Niko massiv. Er kennt den Weg ja gut. Dann hält er an und zeigt mir eine vom Beben weggebrochene Stelle. Es geht sicher 80 Meter runter. Die Stelle ist nicht gesichert. Wir sammeln einige grosse Steine und sichern damit die Stelle wenigstens so, dass ein Fahrer sehen kann, dass «etwas» ist.

Die erste Familie die wir anfahren, hat gestern den Wohncontainer bekommen.  Zum ersten Mal haben sie wieder schlafen können und hatten es warm. Die junge Frau weint, die zwei Kids mit 6 und 10 Jahren sind schüchtern. Aber sie tauen auf. Und ich verspreche dem Jungen ein Auto und dem Mädchen eine Puppe. Da leuchten die Augen. Dann zeigt uns der Vater das kaputte Haus und das Umfeld. Es taucht ein Problem auf, dass sich bei allen anderen Familien auch zeigt: alle Häuser sind am Bergrand gebaut. Und beim Beben ist der Berg eingebrochen und das Fundament des Hauses auch. So ist einfach ein Teil des Hauses in der Erde «verschwunden». Und die Decke und Wände sind zusammengefallen. 

Eine andere Familie zeigt mir das verwüstete Schlafzimmer. Ein neues rosarotes Kinderbett fesselt meinen Blick. Es ist über und über mit Mörtel und Ziegeln gefüllt. Ich wage nicht, irgendetwas zu fragen. Ich stehe einfach da. Der Opa tritt neben mich hin und sagt: «Schwester, das Kind ist gesund. Ich war er erste, der aufgewacht ist und bin sofort in dieses Zimmer gerannt. Noch keine Sekunde hatte ich die Kleine aus dem Bett gerissen, da fiel das alles runter». Ich schlucke. Dann sagt der alte Mann: «Danke für den Container; wir schlafen dort gut».  Dann machen wir bei einer Familie mit vier Frauen halt. Der Familienvater ist vor Jahren tödlich verunglückt. Ein junges Mädchen ist etwas behindert und total traumatisiert. ie war auf dem «Plumpsklo» draussen, als das Beben kam. Das holzige Plumpsklo fiel praktisch über ihr zusammen, aber sie konnte sich retten. Seitdem sagt sie gar nichts mehr. Auch sie haben einen Container von uns und sind froh darüber. Bislang haben auch sie nach dem Beben im Zelt gelebt. Die 15-jährige Lolo erzählt, wie sie davongekommen ist. Hier – wie auch bei den anderen - taucht wieder ein massiveres Problem auf.

Die Familien haben keine sanitären Anlagen mehr. Diese Familie z.B. geht zum Nachbarn. Dessen Haus ist auch unbewohnbar, aber sie können dort zur Toilette. Auch die anderen Familien gehen für die Notdurft in die kaputten Häuser, wissen aber, dass es jederzeit absacken kann. Überall liegt nun der Müll und der Schutt. Die Familien räumen nichts weg, da sie fürchten, dass sie dann keine staatliche Finanzhilfe zum Wiederaufbau bekommen. Kaputte Möbel, von der Wand geflogene Bilder, Essensreste, kaputte Betten, für viel Schweiss und Geld gekaufte und jetzt kaputte Kühlschränke, Zimmerlampen, ein teurer, vielleicht mit Schulden erstandener zertrümmerter Spiegel, kaputte Dachplatten, Mauerwerk, Matsche, dazwischen Schuhe und Kleidungsstücke, die verloren rumliegen. Es gibt keinen Platz, wo man etwas hin räumen könnte. Wir konnten lediglich 12 qm Wohn-Container bringen. Die Zelte sind undicht. Das ist wie Apokalypse. Ich wage nicht daran zu denken, dass es vielleicht unmöglich sein wird, die Häuser jemals wieder auf diesem Berg aufzubauen. Aber dieser Gedanke drängt sich mir auf.  Und trotzdem oder gerade deshalb habe ich den Impuls in mir, irgendwie einfach nur aufzuräumen und fange an, ein paar Stücke zu sammeln. Dann frage ich die junge Lolo, ob sie nicht aufräumen möchte, da und da und dann bringe ich ihr einen Rosenstock. Sofort lächelt sie und die Mutter auch und beide sagen: «Schwester, Blumen haben wir sehr gerne.» Die Mutter entfernt sich und bringt eine Grünpflanze, die sie gerettet hat. Und wir fangen an, einen kleinen Plan zu schmieden, wo ein schönes Plätzchen entstehen könnte. Und Lolo hat Ideen. Dieses Zeichen der Hoffnung neben dem gelben Kreis mit dem X! Dies muss aus der Lähmung helfen. Und so sagen wir es bei den anderen Familien weiter und alle Gesichter leuchten auf, alle. Wir werden, mit Hilfe von Niko, gleich übermorgen Rosenstöcke bringen. Und bei der letzten Familie, die wir heute besuchen, muss ich mir etwas Zeit nehmen für die Oma. Niko entfernt sich diskret. Sie hat ein Korsett an und ich frage ein wenig nach. Sie hat Krebs; durch Metastasen ist ein Wirbel gebrochen. Ihre Schmerzen unterdrückt sie; für Schmerzmittel haben sie kein Geld – jetzt schon gar nicht mehr. Als sie das erzählt, lächelt sie mich tapfer an. Ich habe Schmerzmittel dabei und sie kann es gar nicht fassen. Dann zeigt sie mir, wo sie im Zelt schläft. Es ist nicht mehr zu beschreiben. Sie hat auch Atemnot. Und sie sagt mir, dass sie schon wisse, was ihr fehlt, aber halt die Familie. Ich nicke und nehme sie einfach in den Arm. In der Ecke wuselt es. Da ist ein zweimonatiges Baby. Gerade mal 10 Tage war der Kleine alt, als er fast verschüttet wurde. Der Vater hat den Kleinen aus der Wiege gerettet, als die Decke runterkam. Sie brauchen dringend den Container. Dieser ist bestellt und wir hoffen, dass wir ihn in den nächsten Tagen aufbauen können. Für jeden Container braucht es eine Betonplatte. Und wir brauchen dafür eine Baugenehmigung. Der Transport der Container ist ein weiteres Abenteuer. Wir sind sehr froh um Niko, der diese Arbeit absolut super leistet. Das Haus dieser Familie ist auch total zerstört, ebenfalls einfach runtergebrochen. Der Grossvater zieht mich ins Zimmer. Wir blicken vom Fenster raus in eine grosse Ebene. Er zeigt mit dem Finger gerade aus und sagt: «Dort liegt Thumane». In der Geraden sehe ich das Dorf, in dem 24 Menschen umkamen. Dann redet der alte Mann. Er erzählt von der Nacht, zeigt, wo sein Bett stand und wie die Mauer runterkam. Er zeigt die kaputten, mit grosser finanzieller Anstrengung gekauften Möbel der jungen Familie. Dann führt er mich hinter das abgekippte Haus und sagt, dass ich vorsichtig sein soll. Er zeigt mir mit Tränen den Hang, der teilweise auch abgebrochen ist. Er hat dort zwischen ein paar Olivenbäumen die lehmige Erde umgehackt. Ich frage, was er denn anbauen möchte. Er sagt, er habe immer Kartoffeln, etwas Mais, Zwiebeln und Kraut angebaut, aber jetzt…. Ich weiss, dass er kein Geld mehr hat für Setzlinge. Ich frage, wo es denn Setzlinge gäbe und er nennt mir den Namen vom Händler. Ich verspreche ihm die Finanzierung seiner Setzlinge. Er weint und ich auch. Wir bleiben noch eine kurze Zeit und schauen vom zerstörten Haus weg in den Hang, auf die umgepflügte Erde, die auf die Setzlinge wartet. Still segne ich die Erde und den Mann.

Und still fahren wir zurück. Das vergessene Dorf ist aus der Vergessenheit gehoben und ich denke, wenn nur einer auf der Welt ein Zeichen der Hoffnung gibt, dann wird der gelbe Kreis mit dem X vielleicht seine schreckliche Bedeutung ein wenig verlieren. Wir möchten Euch herzlich danken, dass Ihr alle diese Menschen nicht vergessen habt. Und wir bitten weiter auch um Euer Gebet und um Eure so wunderbare Solidarität.

Mit herzlichem Segensgruss

Sr. Christina und Sr. Michaela

 

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