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Leises Wehen

Liebe Freunde daheim

Grüss Gott vor Pfingsten. Es ist noch Früh, wenn ich heute schreibe. Unser Pfingstfeuer-Strauch, wie wir ihn nennen, blüht wie in Feuerflammen. Schon ganz früh hat mich Schwester Michaela nach draussen gerufen, um mir unsere neuen kleinen Gäste zu zeigen. Drei Kätzchen hat uns vermutlich jemand über Nacht in den Garten gebracht. Bereits ab 7.00 Uhr stehen in diesen Coronawochen die Armen draussen, um etwas zu erbetteln.  Immer wieder staune ich über den starken Überlebenswillen der Kreaturen. Und ich denke tief im Herzen: «Das Leben ist unsägliches Geschenk und schön». Und es drängt mich, Euch eine wunderliche Geschichte zu erzählen. Vielleicht ist es eine Pfingstgeschichte.


Ich wurde vor einigen Tagen dringend gebeten, eine Familie mit grossen Problemen in den Bergen zu besuchen. Mit einer Sondergenehmigung wegen Corona fahren wir sehr früh los Richtung Vermosh. Wie immer, wenn ich in die Berge gehe, klopft mir das Herz einfach höher. Ich sehe den roten Mohn, der Arnika blüht auch. Nach zwei Stunden machen wir eine kleine Pause am Fluss. Klar ist die Luft. Ich bekomme noch einige Informationen über die Familie und ihre Schwierigkeiten. Der älteste Junge hat die Diagnose Autismus, ist wohl tagelang im Bergwald unterwegs und der Vater wird mir als Tyrann gezeichnet, ohne jegliches Interesse für den Jungen. Die Mutter scheint völlig überlastet, da sie noch einen kleineren Sohn hat und noch zwei pflegebedürftige Familienmitglieder versorgen muss, für Haus und Hof zuständig ist und einfach nicht mehr weiter weiss mit Arlando, dem autistischen Kind.


Ich bin ein wenig in Spannung, als wir uns der Einöde nähern. Der Chaffeur, die etwas riskanten Bergtouren gewöhnt, muss durch den Fluss, da ihm die Brücke nicht sicher genug scheint. Die Strömung reisst den Landrover ein wenig herum, aber der Fahrer beherrscht seinen Job. Dann müssen wir noch einen Holperweg Richtung Haus und Hof nehmen. Das Lattentor ist mit einem Pferdeseil fest verknotet und wir brauchen ein paar Minuten, um uns den Durchgang zu schaffen. Zwei kläffende Hunde heissen uns nicht gerade willkommen. Wir warten im Auto, bis Angehörige der Sippe kommen. Der Grossvater hat die Hunde schnell beruhigt und die junge Mutter begrüsst uns mit der bekannten albanischen Gastfreund-schaft. Schnell erzählt sie ihre Sorge und Not um ihren Zwölfjährigen. Sie hat die Idee vom Ausland und dass Arlando dort mit einer guten Medizin schnell gesund und normal wird wie alle anderen Kids auch. Und da streift der Junge auch schon an uns vorbei. Er lässt sich auf keine Begrüssung ein, der mitgebrachte Ball interessiert ihn auch nicht. Die Mutter meint, ihr Junge müsste mich jetzt zur Begrüssung küssen und mir brav die Hand geben. Ich versuche ihr zu sagen, dass sie Arlando einfach Zeit lassen soll und er kommen kann, wann er will oder auch nicht. Es ist keine Beleidigung für mich. Sie ist erleichtert. Dann erzählt sie mir die Geschichte von Arlando. Mit 3 Jahren begann die Symptomatik, seine Isolation, seine Hypermotorik, sein Weglaufen, der erlernte Sprachschatz war wie verflogen, er verweigerte Kontakt, lautierte irgendetwas. Und sie sagt, sie habe den Verdacht, dass ein böser Blick ihren Jungen getroffen hat. Wie oft schon habe ich solche Geschichten gehört. Ich erkläre, versuche Verstehen und Verständnis der Mutter für die andere Entwicklung ihres ersten Sohnes zu eröffnen. Und ich weiss, dass sie, die Mutter für das alles verantwortlich gemacht wird. Dann kommt der Vater ins Spiel. Er begrüsst mich eher abweisend und schroff. Ich entschuldige mich, dass ich ohne seine Erlaubnis ins Haus bin. Er war bei unserem Kommen auf der Weide bei den Kühen. Der Vater dreht sich um und geht raus in den Hof. Dort ist auch sein Sohn und rennt rum. Die Mutter sagt, dass sie für ihren Sohn keine Zeit hat und der Vater sich nicht interessiert. Ich gehe raus zum Vater und frage, ob ich mich ein wenig zu ihm auf die Holzbank setzen darf. Er ist erstaunt und rutscht mir einen Platz frei. Hager ist er, um nicht zu sagen, dürr. Arlando taucht auf und gibt schnalzende Laute von sich. Der Vater schaut mich an. Und ich frage: «Verstehst Du ihn?» Er zuckt mit den Achseln. Ich sage, dass ich glaube, dass sein Sohn eine eigene Sprache hat. Er antwortet kurz und bitter: «Ich habe dafür keine Zeit, ich habe Kühe, die ich versorgen muss. Ich habe für ihn keine Zeit. Die Kühe brauchen Gras und Heu». Ich gucke ihn an und zeige ihm Verständnis und frage ihn: «Sag, bist Du der Vater Deiner Kühe oder der Vater Deines Sohnes?» Diese Frage löst mit einem Schlag die Mauer zwischen uns. Er schluckt und sagt, dass noch nie jemand so etwas gefragt hat. Dann wird sein Gesicht offen und er erzählt, wie er mit seinem Sohn von Arzt zu Arzt ging, wie er alles Ersparte genommen hat, um mit Arlando nach Italien zur Behandlung zu gehen, wie er bei Institutionen um Hilfe bat. Man hat ihm sogar eine Hirnoperation empfohlen. Als er erzählt, spüre ich, dass es da eine tiefe Beziehung zwischen Vater und Sohn gibt. Die ist nicht sichtbar, versteckt, verschämt, aber geprägt von einem Vater, der schmerzlich auf seinen kleinen Sohn blickt und ihm nicht helfen kann. Es ist die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, der keine Erwartung erfüllt. Aber zwischen diesem hageren Vater und seinem Sohn, da schwingt etwas, das ich nicht mit Worten beschreiben kann und auch gar nicht beschreiben möchte. Arlando tänzelt um seinen Vater, als dieser seine Geschichte mit mir teilt. Ich erlebe, dass er die Stimme des Vaters sucht. Ich frage dann den Vater, ob er denn wisse, wo der Junge hingeht, wenn er in den Wald und in die Berge verschwindet. Und da nickt er und sagt, dass dies aber bislang niemand wisse. Ich schaue ihm ruhig in die Augen.  Ein wenig unsicher beginnt er zu erzählen:  Vor einigen Wochen ist er Arlando heimlich nachgegangen. Sein Sohn kletterte nach langem Durchstreifen des Waldes zielgerichtet und gewandt in eine Felsspalte. Dort kauerte er und wartete. Dann näherten sich zwei Vögel und setzten sich rechts und links von ihm. Die Vögel begannen zu zwitschern und Arlando übernahm die Zwitscherlaute wie seine Sprache und blieb so mit den zwei Vögelchen eine geraume Zeit. Dann flogen die Vögel weg und Arlando machte sich auf den Weg zurück. Dem Vater liefen die Tränen über das Gesicht und er schaute mich gespannt an.


Auch mir kullerte eine Träne runter und ich sagte leise zum Vater, dass er einen wunder-baren Sohn hat und er ein wunderbarer Vater ist. Und der Mann neigte seinen Kopf und küsste meine Hand. Und ich dachte an den Geist des Lebens und der sich schenkenden Liebe. Und ich sah ein Kind mit wundersamer Sprachengabe.


Wir wünschen Euch das Wehen und Wirken des lebendigen heiligen Geistes Gottes. Frohe Pfingsten

Eure Sr. Christina mit Sr. Michaela

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