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11Verbrennung

 

 

Wir sind am Mittagstisch, als Flutura  kommt und sagt, dass draussen ein alter Mann mit einer schweren Verbrennung ist. Ich atme durch und hoffe, dass es nicht ganz so schlimm ist, wie mir Fluturas Gesicht gerade anzeigt. Da humpelt der Alte aus den Bergen schon die Treppe rauf. Die Wunde ist offen und schwarz wie die Nacht und schnell verbreitet sich ein übler Geruch. Ich bin froh, dass ich noch nicht gegessen habe. Und ich hake ihn unter und wir schleifen in die Ambulanz. Der Sohn wartet vorsichtshalber draussen, dass er nicht umkippt. Seit einer Woche hat er die Verbrennung. Der alte Mann wollte sich am Ofen die Füsse wärmen und hat nicht gespürt, dass er sich verbrennt. Er meint, seine Socken wären noch ganz und dies findet er wichtig. Ich inspiziere die Wunde und die schaut nicht gut aus. Es ist eine sehr tiefe Verbrennung am Fussrücken und das Schienbein rauf. Der Patient spürt nichts und meint, er spüre schon lange keine Schmerzen mehr an den Füssen. Ich schalte sofort und frage, ob er Diabetes hat und er nickt bedächtig. Und er meint, er habe noch nie sonst irgendetwas gehabt in seinem Leben. Die Zehen sind kalt und haben auch kein Schmerzempfinden. Ich frage, wieviel er denn so am Tag rauche. Da sitzt er plötzlich aufrecht und schaut mich voll ehrerbietig an: „Es stimmt also, was man von dir sagt, du kannst sofort alles sehen, sagen die Leute!“ Ich lache und sage, dass man gar nicht viel wissen muss, um darauf zu kommen, dass er rauche wie ein Schlot. Er grinst und guckt dann treuherzig und ich sage, ich nehme ihm seine Zigaretten nicht weg. Dann meint er: „Und mein Bein jetzt, machst du das gleich gesund?“ Ich erkläre ihm, dass dieser Fuss sehr viel Geduld braucht und hoch entzündet ist. Und das das Gockelblut, dass er als Medizin da drauf hat nicht so viel für die Heilung tauge, einzig dem Gockel sein Leben gekostet hat.  Er grinst wieder und ich mag einfach diese alten Bergler mit ihren tiefgründigen Augen und zähem Charakter. Nun, ich mache ihm auch klar, dass er erstmal nicht rumhumpeln darf, sondern einige Tage liegen muss, da das ganze Bein schon dick und rot ist. Das fällt ihm verflixt schwer; er meint, er müsse doch raus. Ich erkläre ihm, dass die Lage nicht so lustig ist, und er verspricht mir dann mit Handschlag, dass er sich an die Abmachung halten wird.  Ich kratze das trockene Gockelblut so gut wie möglich ab und verbinde die Wunde mit Flammacine. Dann erkläre ich ihm, dass er Antibiotika nehmen muss und male eine Sonne und einen Mond auf die Packung mit Antibiotika. Eine Tablette in der Früh, wenn die Sonne aufgeht und eine am Abend, wenn der Mond da ist. Er grinst wieder. Und als er geht meint er, es ginge ihm jetzt schon viel besser. Ich dämpfe seine Euphorie ein wenig, da ich eher Sorge habe, dass wir ihn doch noch nach Tirana zu Prof. Gjergji in die Brandklinik bringen müssen.

 

11 dezember 2018