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22 1Alles unterwegs

 

 

 


Ich muss noch in die Stadt. Es ist viel los kurz vor dem Fest. Unser alter Schlaglöcherweg ist seit einigen Wochen ein paar Meter asphaltiert und hat sogar einen weissen Mittelstreifen.  Irgendjemand hat an unsere Abzweigung ein selbst gemaltes Stoppschild gestellt. Gleich werde ich durch die Kuhherde  entschleunigt. Der Bauer winkt und ich kurble mein Fenster runter und lobe ihn, weil er seine Kühe so sauber hält. Er wünscht mir schon mal ein gutes Fest. Es nieselt ein bisschen und in Stadtnähe ist das Verkehrschaos wieder einmal perfekt. Das Kreiselfahren ist ein albanisches Abenteuer und für regeltreue Westeuropäer eher nicht zu empfehlen. Da gilt dann auch für uns: Fahrstil anpassen und durch. Einfach rein und raus, wie es irgendwie geht, dabei Ohren, Augen und Konzentration auf 100 % und Nerven mal einfrieren. Auf Hubkonzerte nicht reagieren und in jedem Fall Blechkontakt vermeiden. Auf der Kreiselinsel treiben sich die Strassenhunde rum, und umringen einen beleuchteten Christbaum. Ein paar von den Hunden haben die Staupe und ihr Fell verloren. Neben dem aufgepeppten Christbaum wirkt das fast grotesk. Heute ist beim Fischmarkt in Rus Hoch-betrieb. Da liegen hundert Sorten Fische, kleine und richtige Kaliber eigentlich im Dreck. Es regnet ein bisschen und ein Auto fährt so rasant vorbei, dass das Strassenwasser auf die Fische spritzt. Der Verkäufer zeigt die Faust. Ich erinnere mich, dass vor ein paar Wochen genau hier der Fischverkäufer erschossen wurde. Und ich schicke ein Gebet für ihn zum Himmel. Hinter mir gibt’s wieder ein Hubkonzert. Der Fahrer hinter mir kann irgendwie nicht akzeptieren, dass ich Gegenverkehr habe und nicht weiter komme. Er drückt auf die Hupe und überholt und quetscht sich dann quer vor mir in die Spur. Alles stockt, es geht einige Minuten gar nichts mehr. Am Strassenrand werden für das Fest hunderte von Hühnern feil- geboten. Ein Passant hat zwei solche Federviecher erstanden und bindet sie am Lenkrad seines Fahrrades rechts und links mit den Füssen kopfunter fest. Ein Esel ist an der Hausmauer fest gebunden. Ich denke, der könnte der Esel von Josef und Maria sein. Der Gemüsemarkt ist überladen mit Früchten und jeglichem Gemüse. Die armen Leute kaufen Krautköpfe;  jene, die es sich leisten können, erstehen ein paar Kilo Tomaten. Bananen sind schon Luxus für die meisten. Vor mir flitzt ein Strassenhund vorbei. Er hat ein beachtliches Stück Fleisch zwischen den Zähnen. Wahrscheinlich sucht er sich nun einen gemütlichen Platz für seinen vorgezogenen, geraubten Festtagsbraten. Und dann dröhnt aus einem total überfüllten Geschenkladen, der von Kitschartikeln zum Fest überquillt und auch noch den Gehsteig aufdringlich belegt,  glatt „Stille Nacht“. Der absolute Stilbruch für mich, fast schon Schmerzgrenze. Und der Hund mit seiner Beute fetzt wieder vorbei. Und ein anderer Kunde hat in seinem Kindersitz am Fahrrad mindestens fünf Hühner zusammen gebunden und rein gequetscht. Viel los zum Fest in der Stadt!

 

22 dezember 2018