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16Der Christbaum mit Tränen

 

 

Wir waren schon am Rumfragen,  wo man einen Christbaum erstehen kann. Einige Ecken wurden uns genannt, wo dann die Männer aus den Bergen stehen. Aber „unser“ Mann aus den Bergen stand dann heute wieder vor unserer Tür und streckte mir eine total gut gewachsene Tanne entgegen. „Von ganz weit oben“, sagt er und schaut mich erwartungsvoll an, als er den Baum vor mir in allen Richtungen hin und her dreht. Ja, das ist wirklich der schönste Baum, den wir jemals hatten. Dies sage ich ihm auch. Kaum lächelt er; er unterdrückt die Tränen, ein paar fallen verschämt und lautlos  auf die Zweige. Ich nehme ihn am Arm, stelle den Christbaum an die Wand und bitte ihn den Saal.
Und schon bricht es aus ihm raus: „Sie haben uns die Rente für Christina gestrichen. Jetzt geht es uns wirklich schlecht, Schwester. Und Christina kann immer noch nicht laufen.“        

Er schluchzt. Und ich schaue durch die Tür genau auf den Christbaum und denke, dass seine Tränen noch darauf glänzen. Seine Tochter ist vor etlichen Jahren vom Fels gefallen, ihr Knie ist zertrümmert, viele Ärzte haben ihm die Operationen mit Erfolg versprochen. Er hat alles ausgegeben und noch mehr, als er hatte. Jetzt weiss er, dass er sie so nicht verheiraten kann. Und nun ist die Rente gestrichen. Die Begutachter sagen, seine Tochter habe keine Rente verdient, so krank sei sie ja nicht.


Trotz dieser Not ist der Mann hoch in die Berge gegangen, um uns diese Christtanne zu bringen. Ich denke, dieser Baum trägt heuer solch schmerzliche Tränen, dass ich mich fast scheue, unseren Weihnachtsschmuck darauf zu hängen. Aber ich weiss auch irgendwie, dass sich diese Tränen auf dem Baum in der Heiligen Nacht zu Diamanten verwandeln werden.

Und wir werden alles tun, dass Christina die Rente wieder bekommt.

 

16 dezember 2017