Rein und absichtslos
Rein und absichtslos
Mit einer Novene ist die Vorbereitung auf den 8. Dezember. Und ich versuche das Fest der Unbefleckten und dessen Charakter wieder mal zu ertasten – und weiss mich winzig klein ob dieses heiligen Geheimnisses. «Ohne Erbsünde empfangen!» Transparent bis ins Innerste von Körper, Geist und Seele für die Anwesenheit Gottes!
Ich habe sie schon einige Tage nahe als Zeichen des Himmels, als hoffnungsvoller Gegen-entwurf von dem, was wir gerade erleben. MARIA. Der reine Stern im Meer von Korruption und kalter egoistischer Berechnung!
Hier ist so ziemlich alles einem fast undurchdringlichen System von Korruption unterworfen. Und dies trifft dann immer wieder die Ärmsten und jene, die von anderen abhängig sind. So insbesondere die Kranken. Da schickt mir die Schwester Ana, eine Teilnehmerin am Kurs für die häusliche Pflege, per WhatsApp ein Notsignal. Sie ist derweil in die Mission ganz weit weggeschickt – in Indonesien. Ihr Bruder wurde vor knapp einer Woche überfallen und mit vielen schwersten Knochenbrüchen und Weichteilverletzungen ins Universitätsspital nach Tirana gebracht. Ich lese den Hilferuf in der Früh um 6.30 Uhr. Sie bittet ums Gebet und um ein Krankenbett, wenn er lebend aus dem Krankenhaus kommt. Ihrem Bruder geht es schlecht, er blutet und blutet, die Schmerzen der Brüche sind unerträglich und er verliert an Kraft. Ich bekomme Fotos von mit hellrotem Blut durchtränktem Verband. Dieser wurde nie gewechselt, die Blutung nie gestillt. Es wurde den Angehörigen gesagt, dass kein OP-Saal frei ist. Es ist der dritte Tag.
Kurz vorher hat uns eine Angehörige eines anderen Patienten erzählt, dass Ärzte in Tirana Betten freihalten und der Meistbietende bekommt es dann halt. Ich konnte es kaum glauben. Für so etwas gibt es auch keine wirklichen Beweise – in der Not zahlen Angehörige und verschulden sich massiv. Und nun habe ich das Foto des Schwerverletzten vor Augen und weiss, dass ein junger Mann mit zwei kleinen Kindern unversorgt ist. Die Familie ist jetzt schon nach ein paar Tagen hoch verschuldet und die notwendigen Operationen bringen ihnen die völlige wirtschaftliche Katastrophe. Der Patient wird vermutlich sehr, sehr lange nicht mehr arbeiten können. Ich bin wütend, und renne eine Weile hier im Kloster wie ein eingesperrter Tiger rum. Ja, ich möchte schreien über diese Zustände, aber ich weiss, dass diese Schreie nicht dort ankommen, wo die am meisten Verletzlichsten einem gnadenlosen System anheimfallen. Irgendwas muss ich tun. Ist es wirklich so korrupt, dass die Ärzte nicht handeln, weil die Familie nicht genug bezahlt? Ich weiss es nicht, vielleicht ist es auch besser, es nicht wirklich zu wissen. Aber es muss was passieren. Inzwischen schreibt Ana, dass ihr Bruder immer schwächer wird, Blut braucht. Das kostet etwas. Die Familie muss soviel Blut spenden, wie dem Patienten gegeben wird. Oder bezahlen. Blut ist teuer.
Und ich gucke auf die Absichtslosigkeit der Unbefleckten. Sie ist einfach da, der reine Stern im schäumenden Meer der Korruption!
Und wie so oft frage ich mich, was in den Helfenden vorgeht. Was muss passiert sein, dass ein System soweit degradiert, dass Ethik und Moral flachfallen?
Diese Gedanken nützen dem Vater jetzt auch nichts, das weiss ich. Ich weiss auch, dass ich handeln muss – und zwar schnell. Selbst in die Klinik zu fahren ist keine gute Idee; meine Präsenz würde eher Abwehr auslösen.
Mir fällt jemand ein, der dort arbeitet. Ich wähle seine Nummer und versuche, so ruhig wie möglich und ohne Angriff die Situation zu erklären, an seine Menschlichkeit zu appellieren und ich bitte ihn, sich sofort zu kümmern. Er verspricht es. Und dann ist da Irena, unsere Mitarbeiterin, die die Kranken nach Tirana begleitet. Sie geht nach Tirana und nimmt Kontakt mit noch einem anderen Mitarbeiter im Spital auf. Sie sagt, dass der Patient unter unserer Obhut ist. Ich hocke auf Kohlen. Auch weiss ich nicht, ob nicht das Gegenteil passiert von dem, was wir erreichen möchten. Der klare Appell hängt schwer im Raum und ich bete zu Gott, dass der gute Mann, der im Krankenhaus arbeitet, den Mut hat und wirklich zum Patienten geht.
Ich bespreche mich kurz mit Schwester Michaela. Dann greife ich zum Handy und schicke meine Aufforderung zur sofortigen Intervention beim Patienten per WhatsApp. Ich bin in Hochspannung. Ich weiss, dass wir jetzt versuchen, ein zementiertes System von Korruption zu durchbrechen, ohne es jedoch zu benennen.
Dann flüchte ich mich zur Muttergottes und weiss, dass nur sie selbst die Herzen zur Reinheit der Absicht hinlenken kann. Dann, am Nachmittag kommt die Nachricht, dass der Patient noch Blut bekommt und dann am nächsten Tag eine erste Operation gemacht wird. Wir sind erstmal erleichtert.
Wir hoffen, dass er überleben darf und ich gucke zum Himmel und danke leise. Der Patient hat einen ganz langen Weg vor sich und wir werden ihn nicht alleine lassen. Derweil bekomme ich von Schwester Ana die Nachricht, dass sie auf dem Weg zu ihrem Bruder ist.


