Nente`she, Rorate
Nente`she, Rorate
Es ist kurz vor 6 Uhr morgens. Noch ist es dunkel und unter meinen Schuhen knirscht im Gras der Raureif. Selten wird es hier im Tal am See wirklich kalt. Aber ich friere schnell und unter meinem weiten braunen alten guten Wintermantel und dem Wollhabit habe ich noch vier weitere Lagen angezogen. Der Schakal im Livade klagt in den Morgen – er war wohl die Nacht über auf Beute aus und bei den Schäfern hat er keinen guten Ruf.
Ich stapfe durch die hohen Grasbüschel zur Kirche nebenan. Es ist die Zeit für die Rorate, die hier neun Tage lang als Novene zur Heiligen Nacht hin gefeiert wird. Die Gläubigen tauchen aus der Dunkelheit auf und grüssen still. Es liegt dieses wehmütige Lächeln auf ihren Gesichtern, dass ich so oft wahrnehme, wenn sie von den Bergen reden, wo sie herkommen. Ja und diese Roratemesse erinnert sie an ihre Berglerheimat. Dort wurde in den Häusern – verstreut über Einödhöfe - heimlich diese Frühmesse gefeiert, wenn noch ein Priester da war. Und immer mit der Gefahr im Rücken, doch von irgendjemand noch vor der Heiligen Nacht verraten zu werden. Dann, nach dem Kommunismus, waren die Kirchen dort oben in den Bergen des Dukagjin in diesen Morgenstunden überfüllt. Und diese alte christliche Tradition ist noch lebendig und erreicht die Seelen in der Tiefe. Es braucht kein spirituelles Event – es braucht einzig das gläubige suchende Herz zur Feier dieser Liturgie in Dunkelheit in den erwachenden Morgen hinein. Heute Früh schimmerte blutrotes Morgenrot durch die Kirchenfenster und tauchte die Gemeinde auf besondere Weise in die geheimnisvolle Ahnung des geöffneten Himmels bei der Liturgie.
Und in mir stieg es auf: «O Heiland reiss die Himmel auf – für die kriegerische Welt, die so anders in Blutrot getaucht ist.»


