Der Turm der Heiligen Barbara
Der Turm hält nicht
Es ist Barbaratag. Diese Heilige ist mir lieb geworden und Legenden um sie herum mag ich auch. Der Kirschzweig, geschnitten an ihrem Tag, ist symbolträchtig und trägt Leben in sich.
Aber da ist der Turm. Sie war dort eingesperrt, isoliert, aber ist nicht verzweifelt. Und dann denke ich an den Blutturm von Theth, den Turm, der Flüchtige in Blutrache beherbergt hat und Schutz vor der Kugel gab. Heute ist er die Touristenattraktion im Norden und sorgt dafür, dass die Urlauber sich noch einen Gruselkick holen – aus scheinbar vergangener Geschichte. Aber das ist eine Täuschung. Es ist keine vergangene Gruselgeschichte! Die Blutrache ist nicht vorbei und – wenn auch der Turm nicht mehr benutzt wird - in Schutzhaft sind Viele, daheim oder irgendwo versteckt. Und da ist nun um den Barbaratag bei uns eine Mutter mit zwei Kleinkindern aufgetaucht. Sie sind seit kurzem in Blutrache. Sie sind vom Dorf in den Bergen geflüchtet – die Kinder sind in Gefahr. In dieser Gegend sind kleine Jungs nicht unbedingt von der Rache ausgeschlossen. Die Kinder sind mit der Mutter isoliert – sie hat sich hier irgendwo eine Wohnung genommen. Sie weiss noch nicht einmal, wie sie diese bezahlen soll. Die Kinder schauen mich mit grossen Augen an. Rote gesunde Apfelbacken haben sie noch. Und ich denke: «Bald werden sie kreidebleich und knochig sein.» Sie möchten in den Kindergarten, zu anderen Kindern. Quasi über Nacht dürfen sie draussen nicht mehr spielen, haben ihr dörfliches Umfeld in den Bergen verloren, sind vogelfrei. Aber das erfassen sie noch nicht in der letzten Konsequenz. Viele Fragen dürfen sie nicht stellen. Man sagt ihnen: «Ihr seid jetzt im Blut – das versteht ihr noch nicht.» Irgendwann sprechen sie auch die Sprache des Kanun, des Gesetzes der Berge. Mich schüttelt es. Und nun sagt die Mutter: «Sie brauchen doch einen Kindergarten. Ich bringe sie selbst jeden Tag.» Die Sicherheit des Turmes von Theth wie damals gibt es nicht, das Kinderzentrum ist kein Schutzturm.
«Heilige Barbara, bitte für diese Kleinen.» Die Bitte um Schutz ist das Einzige, was uns bleibt, wenn wir sie aufnehmen. Der Turm hält nicht. Und wir müssen eine Entscheidung treffen.


