Lebenszeichen
Lebenszeichen
Petrit, der Mann, dem alle Knochen zerschlagen wurden, ist am zweiten Tag nach der letzten schweren Operation entlassen worden. Schwester Ana ruft mich an, dass er «raus muss». Wir schmeissen unseren Tagesplan wieder mal um und Schwester Michaela arrangiert den Transport des Krankenbettes nach Lezhe – 50 km weit weg. Nun war ich bei ihm. Nachdem mir Schwester Ana den Zustand des Patienten berichtet hat, packe ich meinen Rucksack für einen Verbandswechsel und für die Lagerung. Ich verwehre mir, darüber nachzudenken, was auf mich zukommen könnte. Es sind diese Momente, von denen man nur sagen kann: «Lauf weg, wenn du kannst!» – aber weglaufen, das geht nicht, also die Flucht nach vorne.
Dann sind wir da. Niko hat mich gefahren – er war einer, der Blut für den Patienten ge-spendet hat. Das kleine Häuschen mit Flachdach ist ärmlich, aber sauber. Die Mutter von Petrit kommt mit dem Gehwägelchen auf mich zu und küsst mich ab. Der Vater kommt auch. Er ist an Demenz erkrankt und will gleich weg – nach Hause, sagt er mir. Dann bin ich am Krankenbett. Petrit wirkt sehr wach und agil. Gott sei Dank, denke ich. Er kommuniziert sehr gut und kann sich gezielt äussern. Ich nehme mir Zeit, um ihn ein wenig kennenzulernen und auch den Überblick über seinen Zustand zu bekommen. Der ist verheerend. Oberarm und Ellbogen der rechten Hand ein paarmal gebrochen, die Mittelhandknochen Matsche. Die Gipsschiene ist schwer, das Handgelenk in völlig falscher Position in die Schiene geklemmt und somit Kontrakaturen vorprogrammiert. Die Schiene ist nicht gepolstert und die ersten Druckstellen plagen ihn. Er meint, es müsse halt so sein – er habe schon die ersten Tage viel fürchterlichere Schmerzen irgendwie ausgehalten. Ich schlucke. Dann gucke ich auf die Beine. Bei beiden Beinen sind Schien- und Wadenbein ein paarmal zertrümmert, ebenso die Fussgelenke, beim rechten Bein ist das Kniegelenk zerschlagen. Beim Schienbein rechts fehlen drei Zentimeter vom Knochen. Beide Beine sind im Kniegelenk völlig überstreckt eingegipst, wieder ist nicht abgepolstert, die ersten Druckstellen sabbern durch. Überall sind noch Hämatome und Schwellungen. Mit Niko und Schwester Ana arbeite ich zwei Stunden, um den Patienten einigermassen zu versorgen und zu lagern. Die Gipsschiene am Arm muss unbedingt erneuert werden. Petrit hat kaum Schmerzmittel bekommen. Er kann nicht schlafen und das Ereignis taucht inzwischen in seinen Träumen auf. Ich frage bewusst nicht nach dem traumatischen Ereignis, horche nur zu, was er selbst sagt. Das braucht Zeit, viel Zeit. Er fragt mich, ob Narben bleiben. Ich bejahe. Und ich sage ihm, dass seine Narben ihn daran erinnern werden, wie tapfer er war und wie er eine sehr schwierige Zeit gemeistert hat. Dann bringt im Schwester Ana das kleine Lebenszeichen von mir – gerade zum rechten Zeitpunkt. Ich sage: «Petrit guck, diese kleine Blumenzwiebel hat viel Leben in sich und jeden Tag lebt sie ein bisschen mehr. Und das ist Dir zum Zeichen. Du brauchst viel Geduld, aber Du lebst und hast schon viel überwunden.» Er nickt und sagt: «Ja, du glaubst nicht, was ich im Krankenhaus gelitten habe.» Ich nicke und schweige. Ja, nur schweigen kann ich angesichts dessen, was er gelitten hat.


