Wer klopft da an?
Wer klopft da an?
Leci kommt in die Ambulanz und sagt, dass mich unbedingt eine Frau in Schwarz sprechen möchte und es wäre sehr wichtig. Ich versuche noch in mir zu formulieren, dass ich heute wirklich nonstop und durchgängig beschäftigt bin, aber irgendein Sensor in mir lässt mich plötzlich hellwach aufhorchen. Es ist dieses Signal oder vielleicht jene innere Stimme, die eben aus einer seltsamen Tiefe kommt und wie alle Zellen zur Wachsamkeit ruft. «Jetzt muss Zeit sein für die Unbekannte Frau in Schwarz!» Also bringt Leci sie herein. Sie muss noch warten, bis zwei Patienten versorgt sind. Dann gehe ich zu ihr und sie sagt mit erstickter Stimme, wer sie ist und dass sie niemals hierherkommen wollte. Aber irgendwas trieb sie, schob sie. Als sie ihren Namen sagt, kann ich es nicht glauben. Ich habe sie mir verrrückter-weise immer als alte verhärmte Witwe in Aschenputtelkleidern vorgestellt. Aber sie ist voll attraktiv, wirkt sehr jung und sehr klug, auch kämpferisch. Sie zeigt mir den Grund des Besuches: ein runder Ausschlag an der Wade. Da kann ich ihr helfen. Aber ich spüre, es ist noch was anderes, da ich ihre Geschichte kenne. Ich schaue ihr in die Augen, was ich sonst nicht einfach nach fünf Minuten Kennenlernzeit wage. Ihr tiefer Blick prüft wie sekunden-schnell auf Glaubwürdigkeit. Dann packt sie aus: «Wie sie zum zweiten Mal Witwe wurde, als ihr ältester Sohn ins Kloster ist, wie sie sich verlassen fühlt und im Stich gelassen. Sie fühlt sich als Frau alleingelassen, hat Sorge um ihre anderen jungen Söhne. Nach dem Tod des Mannes hat der ältere Sohn ihr Halt gegeben, die Vaterrolle übernommen und jetzt hat ihn das Kloster in einem für sie dunklen Loch verschluckt. Sie weiss, dass sie ihn nicht fair be-handelt hat und fühlt sich nun noch schlechter. Und nun kommt Weihnachten. Und sie erzählt, wie ihr Sohn ja oft bei uns war, wie es ihm hier gutgetan hat. Und nun ist sie da und sie sagt nochmal, dass sie nie hierherkommen wollte. Ich frage nicht nach diesem Warum, ich nehme sie einfach in den Arm. Dann weint sie – es löst sich eine Starre. Ich rede vorsichtig über Freigabe, über Besitzanspruch an Menschen, über ihre verletzten Gefühle und über ihre von mir gefühlte Angst, hier allein zu sein. Sie hält sich fest an mir und nickt.
Wir sitzen so da. Schweigen liegt über dem Gesagten wie die Schneedecke, die sie aus den Bergen kennt. Heilsames Schweigen. Sie guckt mich offen an und lächelt ein wenig. Ein erster Schritt zur Versöhntheit mit diesem Schicksal - vielleicht. Sie möchte dann gehen. Ich bitte sie noch kurz zu warten. Dann hole ich aus unserer Krippensammlung von einem älteren Ehepaar aus der Heimat ein kleines Krippelein. Das drücke ich ihr in die Hand. Sie küsst das Kind und küsst es nochmal. Und dann sagt sie: «Mein Sohn hat das Kind gewählt.» Und ich nicke und sage: «Und damit auch Dich, hab keine Sorge.» Sie geht – und sie weiss, dass sie nicht mehr in bodenlose Nacht versinkt.


