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Kleines Betlehem im Bergtal Vermosh11

 

 

 

Kleines Betlehem im Bergtal Vermosh

Langsam öffnet sich das Klostertor und ich sehe, wie eine alte Frau ihren Mann hinter sich herzerrt. Er trippelt, hält an, sie schiebt und zerrt. Es ist für mich ein Bild der schieren Ver-zweiflung. Sie brauchen lange, um bei unserer Haustür zu sein. Es ist gut, ihnen Zeit zu lassen. Dann bricht es aus ihr heraus. Ihr Mann ist seit drei Wochen schwer verbrannt, es heilt nicht. Sie sind aus Vermosh heruntergekommen in die Stadt. Sie haben eine Wohnung gemietet, aber er heilt nicht, erzählt sie. Eine Salbe hat ihnen der Doktor verschrieben. Und ihr Mann sei nicht mehr recht im Kopf und verstünde gar nichts mehr. Das wäre seit dem bewaffneten Überfall auf ihr Haus vor drei Jahren halt so geschehen. Tom isst nicht mehr selbst, ist inkontinent geworden und nun hat er sich mit heissem Wasser verbrannt. 

Dann erzählt sie, wie sie im Haus gefesselt wurden, die Räuber alles zertrümmert und das gesamte Ersparte mitgenommen haben. Irgendjemand hat sie dann nach Stunden gefunden. Seitdem weint Tom. Dass er die Diagnose Parkinson hat, das ist nicht in ihrem Blick. Der Überfall hat die Beiden voll aus der Bahn geschmissen. Die Kinder sind weit weg in Amerika. Und nun die Brandwunde am Oberschenkel. Sie ist infiziert und verdreckt und der Geruch ist übel. Wir arbeiten langsam und Tom guckt mich an. Sein Blick wirkt so erstarrt, so angstvoll. Tone macht den Verband und ich gehe auf den Dachboden. Dort ist noch eine Krippe aus dem Transport. Ich nehme das kleine Betlehem und zeige es Tom. Da hellt sich sein Gesicht auf – er lächelt und bekreuzigt sich. Dann lege ich ihm die kleine Krippe in seine Hand und sage, dass er sie mitnehmen darf - nach Vermosh hinauf.

Tom küsst die Heilige Familie andauernd und dann bedankt er sich und sagt zu seiner Frau: «Wir dürfen das mit hinaufnehmen.» Es scheint, als kehre in Tom ein wenig die Sicherheit zurück, nicht so schutzlos zu sein.

11 dezember 2025

 

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