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1Wenn ein Lebkuchenherz die Herzenstür öffnet

 

  

Wenn ein Lebkuchenherz die Herzenstür öffnet

Ich bin auf holperigem Lehmweg im Kastanienwald und sammle Moos. Hier draussen war ich noch nie. Es ist dort, wo die Schakale vermutlich die letzten Herdentiere reissen – wie es neulich in den Nachrichten zu lesen war. Es ist ruhig hier und am Himmel ziehen die ersten Regenwolken auf. Ich bin wie im Zauberwald und die äussere Stille lässt meine Seele auch in tiefe Stille tauchen. Ich halte ein, stehe einfach da und atme die Schöpfung oder die besser gesagt, Schöpfung atmet mich. Dann taucht auf dem Waldweg eine gebückte Gestalt auf. Ich erkenne eine alte Frau mit einem Stock. Sie steuert energisch auf mich zu. Ihre dunklen Kluckschaugen gucken neugierig und es ist mir, als würde sie mich bis auf den Grund meiner Seele durchschauen. Sie zeigt auf meinen Mooskübel und fragt: «Was hast Du da»?

Ich gebe ihr zuerst die Hand und sage meinen Namen. Das interessiert sie erstmal nicht. Sie fragt etwas forscher – wieder auf den Kübel zeigend: «Was hast Du da drin»? Ich sage: «Ich habe Moos gesammelt». Jetzt wird sie stutzig. «MOOOS? Warum Moos? Nur Moos? Was machst Du damit?» Sie spuckt förmlich die Wörter aus. «Was machst Du denn mit Moos?»

Ich sage: «Nun, ich sag’s Dir gleich, aber sag mir doch zuerst, wie Du heisst.» Da sagt sie:
«Fatime!» Ich danke und sage ihr, dass wir Katholiken ja nun bald ein grosses Fest, nämlich Weihnachten feiern und wir uns darauf vorbereiten. Und mit dem Moos da mache ich ein paar schöne Sachen, wie zum Beispiel einen Kranz. Ich sage: «Weisst Du, ein grüner Kranz das ist ein Symbol für das Leben und wir tun dann noch Kerzen drauf, weil wir auf das Licht warten». Nun wird sie wuselig. Das findet sie schön. Sie meint, ich könnte soviel Moos holen, wie ich möchte. Ich danke und dann sage ich, sie soll kurz warten. Ich gehe zum Auto, das ich nicht weit weg geparkt habe. Dort habe ich ein paar Lebkuchenherzen. Ich schenke ihr die Packung und sage, dass diese aus meinem Land sind, wo ich herkomme. Das ist für Fatime dann nochmal so ein kleines Wunder. Sie fragt, was man damit macht. Ich nehme einen Lebkuchen aus der Tüte und erkläre ihr, dass dies eine Süssigkeit ist, die wir um diese Zeit essen. Das findet sie höchst verwunderlich. Ich gebe ihr die ganze Tüte mit den Schokolebkuchen-Herzen. Dass diese ihr gehören, das kann sie erstmal nicht glauben. Dann bedankt sie sich und packt die ganze Tüte unter ihre Bluse. Dann ist sie weg. Plötzlich taucht sie nochmal auf und sagt: « Du musst mitkommen – ich wohne gleich da hinten.» Aber ich muss zurück und das sage ich ihr auch. Sie nickt und meint dann: «Aber du musst wiederkommen – es gibt viel Moos für Deine Lebenskränze und ich warte.»

 

1 dezember 2025

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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