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10Ein kleiner Durchbruch

 

 

Ein kleiner Durchbruch

In der Kapelle ist die weisse Amaryllis über Nacht aufgeblüht. Ich sitze davor und staune einfach nur. Für diese Momente ist meine Nervosität verschwunden. Ich spüre die An-spannung seit einigen Tagen. Immerhin hat es 20 Jahre gedauert bis zum heutigen abendlichen Treffen. Und auch das war nie von mir geplant – bei meiner Zusage dafür vor     6 Wochen habe ich mich mal wieder selbst überholt.

Also:Eine Ordensschwester des Heiligen Vincent, die seit kurzem im Krankenhaus arbeitet, bat mich um ein Treffen gemeinsam mit einigen Mitarbeitern von dort. Die Schwester schien sich des Problems von Korruption, Vernachlässigung und Gewalt an Patienten mindestens im Ansatz bewusst zu sein und sagte mir, dass einige der Pflegenden da was ändern möchten und sie die Leute bringen wird. Und so habe ich zugesagt. Es schien mir jedoch in den letzten Tagen eher unmöglich, Menschen zu erreichen, die Tag für Tag in so einem korrupten System arbeiten.


Dann trafen wir uns gestern Abend im Zentrum. Ich glaube, mein Puls war bei 120. Aber ich wusste: die Amaryllis blüht! Da guckten mich nun drei Pfleger und drei Schwestern eher skeptisch an und einer von ihnen meinte, dass ich die aufgestellte Tafel nicht brauchen werde, sie seien keine kleinen Schüler. Ich bat sie, abzuwarten und am Ende der Stunde Kritik zu äussern. Der inhaltliche Aufbau dieses Treffens war so angelegt, dass ich auf die Dynamik der Gruppe reagieren kann, da ich ja niemanden kannte. Ich wusste, dass es auf diesen Einstieg nun ankommen wird. Es hat klappt: ich teile das Ikonenfoto des Napalmmädchens von 1973 aus, lasse melancholische Musik laufen und bitte sie, drei Minuten das Foto anzusehen. Dann lade ich sie ein, darüber zu sprechen. Schon bei den drei Minuten erlebe ich, wie sich ihre Gesichter verändern, ein junger Pfleger schluckt. Sie reden dann alle über ihr Erleben mit dem Foto. Immer wieder lege ich ein Foto von unseren Patienten hier dazu. Sie schaffen die Verbindung dazu. Und sie verstehen das Thema: «Meine Wunden, Deine Wunden.» Am Ende bittet ein Pfleger nochmal ums Wort und sagt: «Schwester, es stimmt, unsere eigenen Wunden, über die wir nie gesprochen haben, die in uns begraben sind, die wirken schlecht auf die Patienten. Wir funktionieren irgendwie, aber dann reagieren wir nicht gut, wenn es drauf ankommt. Es sind unsere eigenen Wunden und Traumata. Das hat uns nie jemand gesagt. Es hat bislang auch niemanden interessiert. Es ist das erste Mal in unserem Leben, dass jemand mit uns darüber spricht, sich dafür interessiert. DANKE. Wir müssen da weitermachen.» Dann steht er auf, kommt auf mich zu und küsst mir die Hand. Ich bin erschüttert. 

Und es ist mir, als schickte die Amaryllis ihr blühendes Lächeln herüber und singt von einem kleinen Durchbruch zu Menschenherzen hin. Es ist Advent.

10 dezember 2025

 

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