Das Lächeln des Elenden
Das Lächeln des Elenden
Wir sind auf dem Weg ins Hinterland in ein Dorf, weil wir einen Hilferuf bekommen haben. Tone und ich sind auf einen Pflegenotfall vorbereitet und fahren mit dem Notfallrucksack los.
Im Dorf müssen wir uns bei Starkregen durchfragen. Tone ist hartnäckig und geht in ein Geschäft, um Auskunft zu bekommen. Das alte Ehepaar scheint bekannt zu sein und der Verkäufer sagt noch: «Die sind völlig verlassen.» Eine alte Frau kommt auf uns zu und macht ein wackeliges Gatter zu einem Gehöft auf. Ich fahre nur noch ein Stückchen, dann lassen wir das Auto stehen und gehen zu Fuss. Wir stehen vor einem Wohnloch. Die Hühner haben sich vor dem Regen in den Wohnraum geflüchtet und die Katze kauert am Bett des kranken Mannes. Aus dem Bett schaut uns ein halbes Gesicht entgegen, die andere Hälfte ist vom Krebs zerfressen, das linke Auge ist weg. Der Mann ist in eine Decke gehüllt, dann in Plastikfolie, da es überall reinregnet. Es riecht nach Urin. Matratze, Bettzeug, Plastik. Alles hat diesen Geruch. Die grosse Wunde im Gesicht ist offen. Die Frau sagt: «Er lässt mich nicht mehr an die Wunde.» Dann ein starker Windstoss, ein Heulen des Sturmes um die Hausecke und die Elektrobirne an der Zimmerdecke wackelt. Es tropft von oben. Die alte Frau hat die einzige Schüssel in die Mitte des Raumes gestellt, um das Wasser aufzufangen. Ich spüre wie Tone schluckt und schluckt. Sie dreht sich um, um nicht vor dem Mann loszuheulen. Ich nehme kurz ihre Hand. Im Moment denke ich: Sch….. aber abhauen, das geht gar nicht.
«Geh fort, wenn Du kannst!» Wir können nicht mehr nicht hingucken. Die Hausschwelle ist überschritten und damit auch unsere «innere Schwelle». Ich überlege kurz, was wir denn akut tun können. So setzte ich mich an das total versiffte Bett und streichle über die noch vorhandene Stirnhälfte. Zuerst schreckt Reci zurück, dann merkt er wohl, dass ich ihm nicht weh tue. Ich rede ihm zu, frage ihn nach Schmerzen. Er nickt. Die Frau ist entgeistert, dass er reagiert. Dann erlaubt er mir, seine Wunde zu verbinden. Wenigstens da leckt die Katze nicht mehr dran. Wir sehen, dass das elektrische Licht voll in der Nässe ist, die Leitungen sind alles andere als sicher. Die Frau weiss das. Licht löschen, heisst das. Schmerzmittel habe ich dabei und der Arme schluckt die Tropfen. Und dann lächelt er mich an mit seinem halben Gesicht. Es ist das Lächeln eines Engels von ganz weit her – so habe ich das Gefühl. Dann frage ich, ob er denn etwas essen kann. Er nickt und nickt. Die Frau sagt stoisch: «Wir haben nichts mehr zu essen».
Tone weint und ich schlucke. Und wir wissen beide, dass wir am nächsten Tag kommen werden – mit Essen und es muss mir was einfallen, um die Situation zu verbessern – wie auch immer.
Hüben oder drüben?


