Ein bisschen Würde im Elend
Ein bisschen Würde im Elend
Wir kehren am nächsten Tag zurück zu dem Mann mit halbem Gesicht und mit dem Lächeln eines Engels. Wir haben Verstärkung. Schwester Michaela ist dabei und ein Bauunternehmer mit seinem Elektriker hat sich bereit erklärt, das baufällige Haus anzuschauen mit unserer Fragestellung, ob man überhaupt noch etwas vernünftig vor Regen abdichten und vor allem vor einem Stromunfall sichern kann. Die beiden Fachmänner waren sich schnell einig: da geht gar nix mehr.
Nun fällt uns nur noch die Aufstellung eines Containers ein, wie wir es für die Betroffenen nach dem Erdbeben organisiert haben. Wir brauchen dafür etwas Zeit, vor allem die alte Frau, die ihren Mann pflegt.
Die zwei Fachleute fahren wieder, wenn auch sichtlich geschockt von der Situation. Wir Drei haben uns vorgenommen, die Pflegesituation heute etwas zu verbessern. Wir haben alle Materialien mitgebracht und räumen erstmal das Zimmer etwas auf, systematisieren alles und bereiten uns vor. Reci, der Patient ist ruhig, aber er ist völlig von Urin durchnässt und wimmert. Ich erkläre ihm, dass wir ihn nun auf das Bett nebenan legen und er dann ein frisches Bett bekommt, während ich ihn wasche. Zuerst versorge ich die riesige eiternde Wunde, die wieder ohne Verband ist. Wieder hatte er kein Schmerzmittel. Seine Frau ist überfordert. Sie sagt, sie habe ihn einfach im Bett festgebunden, weil er nicht ruhig ist und ständig raus möchte. Wir versuchen ihr zu erklären, dass ihn die Schmerzen aus dem Bett treiben, wenn er die Schmerzmittel nicht bekommt. Er ist ruhig, als wir ihn aufs andere Bett legen. Ich bin langsam in meinen Bewegungen, erkläre ihm, dass ich ihm jetzt den nassen Pullover ausziehe usw. Er hilft mit, er kooperiert. Dann spürt er das warme Wasser und möchte selbst den Waschlappen halten. Er lächelt wieder. Es tut ihm gut. Und so kann ich ihm seinen geschundenen Körper waschen. Ich stelle fest, dass er die ersten Druckgeschwürsymptome hat und wir beugen deshalb vor. Wir haben warme Decken mitgebracht und hüllen ihn ein. Dann ist auch sein Bett fertig und wir lagern ihn um. Er schläft sofort ein. Wenigstens diesen Dienst konnten wir nun tun.
Nun müssen wir weiterplanen, die Pflege irgendwie sichern. Er ist zu weit weg von uns – wir können nicht täglich dorthin. Die Frau ist völlig überfordert. Er braucht einen guten Engel, denke ich.
Und ich gebe zu, ich würde ihn am liebsten mitnehmen, aber ich weiss auch, dass dies nicht möglich ist.

