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2Unterwegs

 

 

 

Ich bin unterwegs, muss ein Stück raus in Richtung Dukagjiner Berge.  Die Natur ist wild und mächtig und ich denke, es bedarf der Ehrfurcht vor dieser urtümlichen Schöpfung. Und ich denke daran, dass Papst Benedikt XVI. die Geburt Christi als kosmisches Ereignis beschrieben hat.  Seitdem fasziniert mich das. Und auch jetzt, mitten in der Prärie, am Beginn der Adventszeit betrachte ich das. Ich steige aus, der Wind pfeift mir um die Ohren, vor mir in der Ferne liegt der Shkodrasee. In seinem Wasser spiegelt sich auf einmal die untergehende Sonne blutrot. Neben mir, weit unten das ausgetrocknete Flussbett und überall Gestein, soweit mein Blick reicht. „Albanien hat mehr Steine als Brot“ – es ist als jage mir der Wind diesen Gedanken ständig schmerzlich durch den Kopf. Dann drehe ich mich um und im Rücken habe ich direkt über der einspurigen holperigen Strasse das gerade eingeweihte  riesengrosse neue Staatsgefängnis. Die meisten der über 600 Gefangenen sind schon hierher verlegt worden – mitten in die Wildnis und auf dem Weg nach Thethi, dem Touristenort, der mit seinem Blutturm noch nach der archaischen Blutrache riecht. Ein Scheinwerfer des Wachturmes holt mich aus meinen Gedanken. Ein Polizist guckt mit dem Fernglas rüber und ich winke einfach. Ich denke an die Gefangenen und was sie im Advent wohl erwarten.  Und ich hocke mich auf einen Stein und bete einfach ein Gesätz Rosenkranz für alle da drin.  Und dann fahre ich noch an der Gefängnismauer entlang und sehe viele schöne Sprüche in Englisch in grossen schwarzen Buchstaben an die Mauer geschrieben.  Diese sprechen von Hoffnung, Erziehung und Besserung, von Achtung und Frieden. Ich friere ein bisschen und denke, wie wohl die Behandlung der Gefangenen ist, wie sie wohl diese Sprüche lesen können, da drin? In jedem Fall ist es für die vorbeifahrenden Touristen eine bessere Fassade. Ich segne und denke, dass die ersten Sterne und den aufgehenden Mond jetzt alle sehen. Dann fahre ich still, sehr still heim.

 

2 dezember 2018