Wie guckt denn der Frieden aus?
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde in der Heimat,
Heute Früh habe ich das Fenster weit geöffnet. Die Nacht hat guten Regen gebracht, Blitz und Donner haben die Luft gereinigt und nun reisst die Wolkendecke auf. Ruhige blaue Himmelflecken, durchströmt vom Sonnenlicht, erinnern mich an Diella, die um 6 Uhr ins Paradies ging. Eben hat ihre Schwester angerufen. Sie konnte friedlich gehen – jung noch, aber schwer krank und nach dieser Lebensluft ringend, die ihr die kranke Lunge verwehrte.
Gestern wurde ich zu ihr gerufen. Es ging ihr schlecht. Die Angehörigen waren hilflos, alles wirkte chaotisch. Aber die Tochter, mit ihrer kleinen Familie, hat vor einigen Monaten die Eltern mit der schwer kranken Mutter in die enge Stadtwohnung aufgenommen. Bis gestern haben sie an der fatalen Hoffnung auf Genesung festgehalten. Diella musste für die Familie stark sein und durchhalten. Aber eigentlich hatte sie schon lange keine Kraft mehr. Nun fühlte ich die Zeit gekommen, sie alle auf das Wesentliche zu fokussieren: Schmerzbekämpfung, seelische Vorbereitung und Einstellung auf die letzte Reise. Samstag, 17.00 Uhr. Tone, meine tolle Mitarbeiterin, und ich stellten das Krankenbett mit Sicht zum Fenster. Diella hatte nun Blick vom 6. Stock über die alte Burgstadt Shkoder. Wolkenfetzen jagen sich am Himmel, ein Regenschütterer nach dem anderen ergiesst sich. Die blaue Hortensie stellten wir auf den Balkon – Diella lächelt, als ihr Blick die «Blume von Shkoder» streift. Der graue Balkon ist nun in Grün und Blau getaucht und birgt das Geheimnis des Lebens. Diella’s Blick weicht nicht von der Pflanze. Wir lagern sie, um die Atmung zu stützen, dann möchte sie gewaschen werden. Das tun wir sehr schonend. Sie bedankt sich. Und ich spreche dann über die letzte Reise jetzt, über den Weg zu Gott, den sie nun endgütlich geht. Sie nickte, drückte meine Hand fester und sagte – mit den Augen auf ihre Angehörigen zeigend: «Ich habe keine Angst, keine Panik. Die haben aber Angst. Hilfst Du ihnen?» Ich nicke. Dann spreche ich etwas lauter, dass die Familie verstehen kann, wer verstehen möchte. Ein Angehöriger geht raus – er braucht wohl noch seine Zeit. Und ich sage zu Diella: «Diella, im Himmel ist kein Schmerz mehr, keine Sorge, keine Krankheit.» Sie meint: «Oh, das ist gut». Ich sage: «Du darfst weitergehen, geh zu Gott!» Ich beuge mich vor, an ihr Ohr und sage noch: «Du darfst so schnell gehen, wie Du kannst und willst. Die Muttergottes wartet schon». Da küsst sie mir die Hand und sagt: «DANKE!» Dann beteten wir das Ave Maria. Sie sagt nochmal DANKE und ich meinte: «Wir treffen uns dann irgendwann im Paradies.» Und nun hat sie es in der Frühe des Sonntags schon geschafft – ganz friedlich, ganz ruhig. Und der heutige Sonntagmorgen scheint mir gefüllt von Diellas friedlicher Seele, die – wie mir auch scheint - in den geöffneten Himmel gerade noch entschwindet.
Und ich grüsse Euch auf Pfingsten hin im Gebet um den Geist des Herrn, der das geschundene Antlitz der Erde durch uns erneuern möchte. Die letzten Wochen waren lebendig, manchmal turbulent und durchzogen vom Weben am Friedensteppich – auch wenn nur ein dünner Faden gezogen werden konnte.
Da sind unsere Kinder im Zentrum: sie sind unruhiger als in den letzten Jahren. Sie haben mehr Gewalterfahrungen in den Familien, haben selbst mehr Aggressions- und Angstpotential. Gleichzeitig sind sie sich selbst entfremdet. Die asozialen Netzwerke sind Gift.

Wir hatten in den letzten Wochen mehr Kids, die bereits mit 6, 8 und 12 Jahren völlig abhängig vom Handy sind. So versuchen wir, den Kindern eine andere Erfahrung zu geben. Ja, wie guckt denn Frieden aus, welche Farben hat denn friedlich sein?
Eine Kletterkugel im Garten auf der «Bewegungs-Seite» motiviert die Kids zur Eigenverantwortung, zur Einhaltung von Regeln und vermittelt natürlich motorische Geschicklichkeit.
Die Kids haben nun einen ersten einfachen Kletterkurs mit grossem Eifer absolviert und werden nun in einer Feier mit den Eltern ihr Kletterdiplom erhalten. Natürlich wird dann auch vorgeklettert. Der grosse Sandkasten wird gerade auch erneuern und dort gibt es aber sicher kein Kriegsspielzeug.
Und nun haben wir ein Projekt sozusagen aus dem Boden gestampft: Eine Seite des grossen Grundstücks im Kinderzentrum ist schon immer die ruhige Naturseite. Nun wird diese Naturseite, für die Förderung der Wahrnehmung, zum «Runterkommen» und «Friedengucken» genutzt. Da sind schon viele kreative gute «Wichtele» eingesetzt, um dies zu gestalten: Vor genau acht Tagen war das 50jährige Klassentreffen meiner Krankenpflegekolleginnen hier. Es kamen 8 Personen und diese vier Tage werden wir nicht vergessen. Es war einfach nur schööön. Und sie packten an und verwandelten die Hütte von Rabe Socke in eine Hör-Hütte für Naturgeräusche. In Blau und Grün gekleidete Holzwände, Holzboden mit Teppich und Meditationshocker warten auf die Kids.
Dort werden dann im Schweigen die Naturstimmen und Geräusche erfahren und aufgenommen. Die Einführung mit den Vorschulkids war schon ein Erlebnis.
Unter dem Manna-Baum wird das Atmen erfahren. Nachdem mir die Teilnehmerinnen des neuen Pflegekurses gesagt haben, dass sie gar nicht wissen, was Photosynthese ist, werden dies unsere Kids nun direkt unter dem Baum selbst erleben. Ein Barfusspfad wird das Fühlen erlebbar machen und ins Bewusstsein bringen. Und unter dem Olivenhain wird der Gottesfriede, der schon im Kanun benannt ist, empfangen. Da hat die Alfrida gestern eine Friedenstaube auf einen Stein gezaubert. Und dann werden wir sehen.
Viele Geschichten erleben wir jeden Tag, jedoch eine ganz besondere möchte ich noch mit Euch teilen. Es ist die Geschichte von Sibora. Sibora heisst «Wie Schnee». Es ist ihr Name und Sibora hat mich gleich beim ersten Besuch an Schneewittchen erinnert. Und Sibora war zwar nicht in einem gläsernen Sarg, aber eingeschlossen in ihren Körper, ohne Förderung, ohne die Möglichkeit, sich wahrzunehmen. Ihre Mutter hat sich für sie aufgeopfert, aber man hat ihr gesagt, dass dieses Kind eigentlich tot ist. Aber die Mutter hat fünf Jahre gesucht und gesucht, ihr Kind umsorgt, wie es halt möglich war. Der Vater hat sich für «so eine Tochter» nicht interessiert. Und nun hat sie eine Ordensschwester zu uns gebracht und folgende Nachricht hinterlassen: Da ist ein Mädchen draussen. Sie macht aber ganz viel Geräusche und Grimassen. Du kannst sie draussen anschauen. Wir wissen nicht, was wir mit ihr noch machen sollen. Ich habe mich umgehend bedankt, dass sie Mutter und Kind hergebracht hat und bat sie, die Kleine hereinzubringen. Und da sah ich Sibora: eben Schneewittchen halt. Vorsichtig löste ich das verkrampfte Bündel von der Mama und weckte sie sozusagen ein wenig auf. Bereits beim ersten Besuch reagierte Sibora wach und auf alles. Sie hatte sogar zeitweise Kopfkontrolle. Die Cerebralparese, als Diagnose, war als vollständige Lähmung und vollständige geistige Behinderung in schwarzen Buchstaben wie allen ins Herz geschrieben. Aber es ist nicht so. Sibora versteht alles, sie kann sogar kleine Antworten geben. Die Mama ist völlig aus dem Häuschen. Die fünf Jahre hat Sibora ganz viel im Gehirn und im Herzen gespeichert. Hellwach war sie – in ihrem Körpergefängnis, eben im gläsernen Schneewitt-chensarg. Die Mama hat sie motiviert, nie aufgegeben; sie wusste aber halt nicht, wie man ihr Erfahrungen und Wahrnehmung und Bewegung vermitteln kann. Und nun, beim zweiten Besuch hat uns Sibora einfach nur fasziniert. Ich wollte sehen, ob sie ein eigenes Bewegungsmuster entwickeln kann und legte sie auf den Boden im Saal. Den Hulla-Reifen hatte ich vergessen und der lag so einen halben Meter neben ihr. Ich hatte vorher geschaut, ob der Reifen sie interessieren könnte, aber davon war sie nicht sonderlich begeistert. Aber nun war das auf einmal ganz anders: nach ganz wenig Zeit robbte Sibora in Richtung Reif und schnappte sich den. Und dann begann der wunderbare, grazile Tanz eines kleinen bezaubernden Mädchens, das die Grenzen eines Körpergefängnisses einfach sprengte. Und sie versprühte pure Lebensfreude, Kreativität und selige Zufriedenheit. Und sie werden wiederkommen. Den Papa bringen sie das nächste Mal mit.

Und so kommt Pfingsten. Und wir wünschen und erbitten den Geist, der uns den Frieden suchen und entdecken lässt, den Geist Gottes, der das Leben schafft und uns stärkt und tröstet und uns den Frieden Gottes wachruft, wenn wir ihn zu vergessen scheinen.
Wir danken erneut für all Eure Hilfe, für jegliche Zeit, für jedes Engagement, Wohlwollen und Gebet. Das Netz der Geschwisterlichkeit, das Ihr jeden Tag neu knüpft, ist gross und hält viele Bedürftige am Leben und wir sind darin mit eingeknüpft und danken Euch sehr.
Und so verbunden im Bitten um den Geist des Herrn grüssen Euch herzlich
Sr. Christina und Sr. Michaela

