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Wenn die Rose die Raupe aushalten muss


Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde


Ja, das Aushalten das war es, was wir in den letzten Wochen wieder intensiv geübt haben. Es ist nicht dieses: „Wie halten Sie dies nur aus hier?“ Es ist was anderes: vielleicht schreibe ich gleich, was da so gerade bei uns ist und wie wir uns im Aushalten aushalten. Aber erstmal:


Grüss Gott am Sonntag mit vielen Rosengrüssen aus unserem Garten. Ja, da blühen fast wie tausend Rosen, von denen ich jeden Tag Tausende von Läusen wegklaube. Es liegt Pfingstgeist in der Luft und das Leben möchte sich den Weg bahnen. In den vom Hochwasser gefluteten Wiesen wächst das Gras und deckt grünend den Klärschlamm zu. Die Bewohner richten ihre vergifteten Brunnen und pflanzen in den Gärten  - der Katastrophe trotzend – verspätet  ihre Kräuter an. Ja, das Leben möchte durchbrechen und wir sind dankbar, dass die Flut einigermassen bewältigt ist. Derweil geht  gerade in dieser Stunde die „Aktion Gabriela“ ihrem – so Gott will – glücklichen Ende zu. Die kleine Gabriela ist vor drei Wochen mit einem schweren Herzfehler geboren, der hier nicht behandelt werden kann, aber schnell operiert werden muss, wenn die Kleine eine Überlebenschance haben soll. Da standen dann vor zwei Wochen drei Männer in unserem Klostergang und verlangten dringend nach einem Gespräch. Dann die Geschichte: Das zweite Kind; das erste ist vor zwei Jahren durch eine Schlamperei der Ärzte am 4. Lebenstag  gestorben; die Mutter hat damals knapp überlebt. Nun die Kleine, auf die auch der Tod wartet. Die Männer, besonders der Opa, werde geschüttelt. Sie kamen von einer Organisation, die ihnen die Ausreise für ihre Kleine zugesagt hat, aber dann, beim zweiten Gespräch verlief es wie folgt: „Der Opa und der Onkel wurden gefragt, wie viel ihnen denn die Kleine wert sei, da der Vater ja schon pleite ist (noch vom ersten Kind her), wären sie jetzt dran. Der Opa sagte, er könne nur noch eine Kuh verkaufen, mehr habe er nicht mehr. Darauf der Gegenüber: „Sie haben noch ein Haus, bringen sie den Notar gleich mit!“  Beim Erzählen schluchzte der Grossvater aus Verzweiflung und dem Gefühl der völligen Verdemütigung. Ich konnte nichts, als nur Zuhören, wenigstens mein Mitgefühl zeigen und  - mit Aushalten. Wenigstens versprach ich ihnen, ins Krankenhaus zu kommen und die verzweifelte Mutter zu besuchen. Dann wusste ich nichts anderes, als ein paar Freunde per Internet um das Gebet für die Kleine zu bitten. An etwas Weiteres wagte ich nicht mal zu denken. Ich sagte nur zu Gott, dass das Leben hier doch siegen könnte. In der Tiefe konnte ich so etwas spüren wie: „Die Kleine muss leben!“


Dann am nächsten Tag sah ich das erste Wunder: Ein wunderbarer Mensch schrieb, wir sollen eine Klinik für Gabriela suchen, das Geld komme dann von ihm. Ich zitterte am ganzen Körper und las mindestens dreimal. Dann brüllte ich fast nach Sr. Michaela und zeigte ihr das Email. Und so begann die Geschichte der Rettung. Viele, viele halfen mit, wir schrieben etliche Kliniken an, der Transport der Patientin war irgendwann das grössere Problem, viele, viele Telefonate, Emails, Gespräche mit dem Krankenhaus usw. Zwischendurch war es dramatisch und wir wussten nicht, ob Gabriela es durchhält.


Und nun ist sie genau um diese Zeit, in der ich den Rundbrief schreibe, mit Luise und ihrer Mama im Rettungsflieger nach Deutschland. Wie viele in diesen zwei Wochen uns schon geholfen haben, das ist das Wunder der Liebe, das es noch gibt. Ich danke einem jeden von Herzen und kann nur sagen: „Gott vergelte es!“ Und wir hoffen und beten, dass nun alles gut gehen darf und Gabriela genesen kann. Luise, unsere wunderbare Praktikantin ist als Begleitperson mit dabei, damit die Mutter sich besser zurecht findet und eine Übersetzerin hat.


Und während das junge Leben leben möchte, wurden wir in diesen Tagen öfters ans Sterbebett gerufen. Da kommt eine Mutter von 8 Kindern. Sie bittet uns, zu kommen, da es ihrem Mann Ded schlecht gehe und er furchtbare Schmerzen habe. Ich spüre, dass ich sofort fahren muss. Lukas, der schon zur Klosterfamilie gehört, kommt mit. Das kleine armselige Häuschen liegt abseits der grossen Welt. Als wir eintreten, kommt uns ein süss-fauliger Geruch entgegen und ich bin froh, dass ich noch nicht viel im Magen habe. Ded liegt eher auf einer alten Pritsche, als auf einem Bett und hat pfeifende Atemgeräusche und  bei jedem Atemzug „spurzt“ er aus einem Katheter, der in der Lunge liegt, Blut und stinkenden Eiter. Sein ganzes Bettgewand ist durchweicht. Ded schaut mich mit hohlen Augen an und er hat unsägliche Schmerzen. Ich lege meine Hand auf seine schweissige Stirn und schlucke. Armseliger geht es nicht mehr. In der Ecke auf dem windigen Sofa kauert ein kleiner Junge. Anton ist zwölf Jahre alt und der Jüngste der acht Geschwister. Mit feinem kindlichem Gespür erahnt er den Tod im Hause, obwohl keiner mit ihm darüber gesprochen hat. Ich hole Anton zum Vater und sage ihm das, was er sowieso schon weiss.

 

Dann segnet und küsst er seinen Vater. Seine zwei, etwas älteren Schwestern, kommen auch und verabschieden sich so. Dann entscheide ich, Ded noch zu verbinden, damit er nicht in dieser Siffe liegen muss. Lukas macht mir tapfer die Handreichungen und Ded drückt schon sehr schwach meine Hand. Wir beten mit ihm. Ich sage ihm, dass er weitergehen soll zu Gott und er wird ganz ruhig und gelöst. Dann trinkt er viel Wasser; er ist heiss vor Durst. Wie hat ihm wohl danach verlangt, bevor er an der ewigen Quelle ist. Und  wir gehen und Ded darf dann in der Nacht zu den Wassern des Lebens gehen. Ein letzter Dienst, ein letztes Aushalten in den letzten Stunden des Lebens.

 

Und da ist derzeit noch  unsere Lisa, die wir sehr ins Herz geschlossen haben. Sie ist 84 Jahre alt. Lisa kommt mit einem halben Gesicht zu uns. Sie hat sich derart stark verbrannt, dass diese Gesichtshälfte nur noch ein unförmiges, eitrig-blutiges etwas ist. Das Auge ist völlig zugeschwollen, das Ohr auch. Im Krankenhaus wurde sie mit einem Rezept für eine Salbe wieder nach Hause geschickt. Ihr Kreislauf ist schlecht, sie ist völlig fertig und auch durcheinander und hilflos. Wir legen sie erstmal nieder und ich versuche, Kontakt mit ihr zu bekommen. Sie spürt dann unsere Sorge und gewinnt Vertrauen. Dann säubern wir die Wunde und wir müssen die Haare schneiden. Und wir erfahren, dass sie praktisch verarmt ist, ihre Rente nicht bekommen hat, nichts zu essen hat. Irgendwie zeigt Lisa dann einen sehr trockenen Humor und sagt, dass sie lange Schauspielerin beim Theater in Shkoder war und sie lacht. Dann bitte ich sie zu warten und schneide ihr eine Rose aus dem Garten. Sie freut sich so und riecht und riecht und dann sage ich ihr eben nach Exupery: „Lisa, da steht: Wer die Schmetterlinge sehen will, muss ein paar Raupen aushalten!“ Und so ist aus Lisa unsere „Rosen-Lisa“ geworden, denn fast immer, wenn sie zum Verbandwechsel kommt, nimmt sie eine Rose aus unserem Garten mit. Wir haben sie lieb gewonnen und wir hoffen, dass sie doch noch heilen darf.


Und eben erfahren wir, dass unsere kleine Gabriela heute Nachmittag noch operiert wird. Es ist Montag-Nachmittag. Möge die Maienkönigin, deren Monat wir morgen beginnen, die Kleine unter ihren Schutzmantel nehmen.


Und wir bitten um Euer Gebet und ich danke für alles, was Ihr so mit uns aushaltet, wie Ihr Euch einsetzt und uns jeden Tag  hier mit viel Kreativität und Wohlwollen unterstützt.

 

Gott segne Euch dafür. Mit herzlichem Gruss
Sr. Christina

 

gabriela

 

Und eben erfahren wir, dass Gabriela die Operation gut überstanden hat. DANK SEI GOTT!

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