Albanische Sommerhitze
Liebe Schwestern und Brüder,
vor der Sommerpause ist es noch recht dicht bei uns. Ein paar Eindrücke möchten wir Euch vermitteln.
Es ist heiss – es scheint, dass die zirpenden Grillen um uns rum sich ein kühlendes Lüftchen verschaffen wollen. Aber die heisse Luft schillert und gibt der Atmosphäre die seltene Spannung, die mich an eine überspannte Saite erinnert – jede Sekunde zum Reissen überreizt. Ich bin unterwegs – in dieser Hitze des Nachmittags. Hochsommer! Eigentlich geht man da nicht raus. Aber ich setze mich immer wieder mal gerne dieser Sommerstimmung aus, muss sowieso raus zu den Kranken. Und heute möchte ich auf dem Weg Schafgarben und – etwas verspätet - Johanniskraut sammeln. Ich streife Felder und Kanäle, komme an Moorkolben vorbei, aber Schafgarben sind wie vom Erdboden verschluckt. Am fast ausgetrockneten Flussbett der Kir biege ich von der Hauptstrasse ab und fahre einen kleinen Seitenweg, flussabwärts. Um diese Zeit ist da niemand. Rechts oben am Hügel ist ein graues Haus und hier scheint jemand Müll zu sammeln. Es ist um das Armenhaus rum eine meterhohe Müllhalde. Ich frage mich, wer hier wohl wohnt. Hundert Meter weiter ist eine kleine Slumsiedlung. Mein Betonsträssle führt da mittendurch. Und an der Wegbiegung vor einem windigen Tuberkelnest-Wohnloch hat der Besitzer dieser Behausung eine kleine Kapelle hingebaut. Ich bremse. Ehrfurchtsvoll gucke ich aufs Portal. Und über dieser Holztüre steht: «Zu Ehren der albanischen Märtyrer vom Kiriufer». Trotz der Hitze bekomme ich Gänsehaut. Ich mache das Kreuzzeichen, dann halte ich ausserhalb der Slumsiedlung am Kiriufer an. Ich steige aus, gehe zum Flussbett. Die heisse Luft schneidet mir den Atem durch – wohl auch das, was ich jetzt erlebe. Die Grillen zirpen hier nicht – es ist Steinwüste, die Kir hat hier keinen Tropfen Wasser mehr. Ich achte auf die Steine am Ufer und das fast dürre Gestrüpp. Ich möchte keine Schlange aus ihrem Mittagsschlaf aufschrecken. Ich atme in diesen Momenten atemberaubende Stille. Ich atme den Geist dieser albanischen Märtyrer, die bisher noch nicht gefunden und geborgen wurden. Es erschüttert mich eigentümlich. Ich verharre, mir laufen Tränen runter, die die Steine im Sal Kir auffangen. Das Leiden dieses Volkes scheint hier in Ewigkeit verwandelt zu sein. Ich atme Frieden, möglichen lebendigen, nicht toten Frieden! Kein Schmerz mehr, kein Leiden, keine Tränen – aber erkauft mit Leiden und dem eigenen Blut in Gewaltverzicht. Offenbarung für mich im trockenen Flussbett der Kir! Wieder bekreuzige ich mich. Dann schlürfe ich noch ein wenig im Flussbett rum, klaube einen Stein auf, lache auf, als ich mitten im Flutbereich der Kir einen alten Sonnenschirm aufgespannt sehe.
Ich habe die Zeitreise beendet und eine Radlerin, bepackt mit Müll, holt mich endgültig in die Gegenwart. Sie ruft mich aus dem Flussbett und fragt besorgt, ob alles in Ordnung ist. Sie hat mein Auto geortet und mich dann im Habit und Schleier im Flussbett gesehen. Ich erkläre ihr, dass alles in Ordnung ist und ich nun auch weiterfahre. Der Weg wird schlechter, aber ich komme durch. Schafgarbe habe ich keine, dafür wächst und blüht am Wegrand in Tiefblau der Mönchspfeffer. Die hohen Stauden verdecken den gesamten Müll am Ufer. Die Gegenwart überlagert die Vergangenheit - oder umgekehrt.
Das Erlebte im Sal Kir ist ab jetzt in meinen Alltag eingewebt. Und unsere Tage sind hier seit dem 31. Mai ein wenig anders als bisher. Die politische Lage hat sich zugespitzt. Durch eine geplante Investition zum Bau eines Luxusressorts in einem Naturschutzgebiet im Süden ist die Flamingorevolution entstanden. Sie wird so benannt, da dieses Naturschutzgebiet eine einzigartige Brutstätte für Flamingos ist. Das Volk geht seitdem jeden Abend in Tirana auf die Strasse. Es wird längst nicht mehr allein gegen das Projekt demonstriert; der völlige politische Wechsel wird von den Demonstranten gefordert. Inzwischen kommen viele Emigranten aus der Diaspora dazu und vor gut einer Woche hat sich ein Nationalrat gebildet.
Bislang sind die Demos gewaltfrei. Es ist für uns erstaunlich, dass Zehntausende durch die Strassen ziehen, ohne dass nur ein Schaufenster zertrümmert ist usw. Die Menschen fordern lautstark in Sprechchören das Abtreten der Regierung. Die Organisatoren sind bislang nicht öffentlich. Ebenso ist nicht öffentlich, wie es weitergehen soll, welche Pläne im Fall von «danach» da sind usw. Wir sind in Spannung und hoffen und beten, dass es kein Blutvergiessen gibt. Aber diese Bewegung zeigt auch, wie das Volk leidet und wie Menschen nun die Angst verloren haben, offen zu sprechen oder sich zu zeigen. Da ist viel Kraft, die wir im Volk erleben. Da ist beeindruckende Kraft und vielfältige Kreativität, Wut und Fust gewaltfrei auszudrücken. Leider wird das bislang weitgehend ignoriert oder ironisiert, beleidigend kleingeredet – in jedem Fall nicht ernst genommen. Das könnte ein Fehler sein. Und wir hoffen, dass sich diese Kraft nicht zum Gewaltmonster wandelt und im Chaos endet.
Heute war der Tag 43 der Demonstrationen! Ununterbrochen, jeden Abend. Weder Fussball noch Hitze oder Urlaub halten die Leute auf. Viele Sprecher erzählen ihre miserablen Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem. Da könnten wir sehr, sehr viele Beispiele liefern.
Dabei orten wir jedoch das Problem nicht allein beim Regierungschef – sondern auch in der persönlichen Moral und Ethik der jeweils Verantwortlichen für den Patienten – sei es Arzt, Krankenschwester oder Putzpersonal, Apotheker oder Krankengymnast. Aber strukturelle Korruption lässt jene nicht mehr zu, die anders sind und anders wollen. Die Frage der Gewalt ist komplex. Wir erleben die Folgen des Zusammenbruches der medizinischen Versorgung jeden Tag. Bis spät in den Abend tönt die Hupe vor dem Kloster: «Notfall!»
Verbrannte, Verunfallte, vom Hund Gebissene, viele Patienten mit Gürtelrose ohne Versorgung oder mit schweren diabetischen Nekrosewunden, Krebskranke im Endstadium ohne Schmerzmittel mit offenen Krebsgeschwüren usw. gehören zu unserem Alltag. Bislang unser nicht gelöstes Problem: Patienten, die in Krankenhäusern – selbst Privatkliniken - waren, werden nach Operationen mit schwer offenen Druckgeschwüren entlassen. So ist da Zefi. Er bekam einen Bypass. Die Familie hat fast alles verkauft, um die Operation zu finanzieren. Der Mann war fünf Tage ohne Pflege auf dem Rücken gelegen und wurde dann mit einem schweren Dekubitus entlassen. Ich habe viel gesehen, aber dieser Mann hat überhaupt kein Gesäss mehr. Er wohnt etwas weiter weg in einem kleinen Dorf; wir können nicht jeden Tag dorthin, um ihn zu versorgen. Der Sohn hat den Verbandswechsel gelernt. Ob der Vater das schafft, dies bezweifeln wir. Die offene Wunde ist zu gross. Das Häuschen ist ärmlich, aber zumindest ein Dach über dem Kopf. Die junge Schwiegertochter mit zwei kleinen Kindern muss den gesamten Haushalt stemmen, dazu die noch verbliebene Kuh versorgen. Und nun auch noch den Schwiegervater, der schwer daliegt. Ich sah diese junge Frau dann, wie sie die völlig versifften Bettlaken mit der Hand wusch – ohne Waschpulver. Waschmaschine ausgestiegen! Sie hat sich fast übergeben, als sie versucht hat, mit dem bisschen Wasser Eiter, Kot und Blut auszuwaschen. Ihre verzweifelten Augen, ihren stumpfen Blick, die zugekniffenen Lippen, als verbiete sie sich, einfach nur noch zu schreien, werde ich nie vergessen. Ich ging zu ihr, legte die Hand auf ihre Schulter und versprach ihr schlichtweg eine Waschmaschine. Schwester Michaela hat den Kauf noch am gleichen Tag in die Wege geleitet. Diese junge Frau, ein Mädchen noch, wurde verheiratet. Jetzt ist sie, gemäss dem Gesetz der Berge, einfach nur noch die Magd der Sippe des Mannes. Und auch sie wird funktionieren, bis sie umfällt, zieht die Kinder gross, zum Lachen gibt es da nur mehr wenig. Und dann spaziert ins Zimmer die fette rote Katze und macht sich an die alten eitrigen Verbände ran. Ich rufe den Sohn, dass er die Katze aus dem Zimmer bringt; erkläre, warum das Tier hier nichts zu suchen hat. Er versteht gar nicht, was ich meine. Vielleicht ist das ja auch das direkte bessere Recycling, als die eitrige Pampe irgendwo in die Prärie zu kippen – so denke ich plötzlich. Bei solchen Gedanken, hätte Sr. Michaela jetzt nur einen Kommentar: «Du bist auch schon ausgewildert!» Und dann vertreibe ich ein paar fette Fliegen, die sich auch an der Wunde noch was holen wollen. Als wir uns schon verabschiedet haben, winkt mich der Patient nochmal mit schwacher, fast nicht erkennbarer Handbewegung zu sich. Ich halte inne und beuge mich nochmal zu ihm runter. Er zieht mich noch näher heran und sagt mir leise ins Ohr: «Schwester, ich weiss, dass ich das da hinten nicht überlebe, es ist auch kein Problem für mich. Aber bitte komm nochmal wieder». Das sage ich ihm zu.
Gleich 10 Minuten weiter von uns ist ein junger Mann, der an einem Tumor in der Halswirbelsäule operiert wurde. Seitdem ist er Tetraplegiker, also an Armen und Beinen gelähmt. Schwere Spastiken kontraktieren zeitweise alle Gelenke, das gesamte Skelett und bereiten ihm grosse Schmerzen. Die Familie ist bettelarm. Als wir dorthin gerufen wurden, sahen wir, dass er ein Krankenbett hat. Die Mutter erzählte, dass sie das von einem Krankenpfleger haben. Dieser Pfleger hat aus seinem Krankenhaus drei Betten mitgehen lassen und vermietet diese nun sehr teuer an jene Kranken, die einmal seine Patienten waren. Und dieser junge Mann hat noch nie über sein Schicksal geklagt. Bei der Hitze badet er in seinem Schweiss, den er nicht abwischen kann; die Fliegen fallen über ihn her und er kann sie nicht vertreiben. Er ist vollständig auf jemand anderen angewiesen. Als wir kommen, ist der Belüfter nicht in Betrieb. Eine Stunde hat die Mutter ihn am Vormittag und eine Stunde am Nachmittag eingeschaltet – mehr Strom können sie nicht zahlen. Aber jetzt gibt es keinen Strom. Jetzt wird der Strom öfters in den ländlichen Gebieten abgeschaltet, denn die Touristen in der Stadt beanspruchen in den Hotels alle kühlen Annehmlichkeiten, die halt Energie erfordern.
Und da liegt unweit von uns Lumnia in einem selbst gemachten Bettgestell. Ihr junger Sohn kam zu uns und bat um einen Besuch. Lumnia hatte einen Schlaganfall, könnte aber längst wieder auf den Beinen sein, wenn sie nicht die grosse Wunde vom Wundliegen hindern würde. Mein zwei Fäuste krieg ich in dieses Wundloch problemlos rein und ich frage mich wieder und wieder, warum die Pflege im Krankenhaus so massiv versagt. Und nach einigen Tagen wurde Lumnia dann halt einfach entlassen. Vater und Sohn kümmern sich rührend, waren aber völlig allein gelassen. Auch mit ihnen wurde das Geschäft mit Wucherpreisen gemacht. Für sehr viel Geld wurde ihnen «Hirnnahrung» für die Mama angedreht. So sollte dann die Lähmung an Arm und Bein rückgängig gemacht werden. Der Mann zeigte mir das Wundermedikament: ein paar Vitamine, bei uns im Westen in der Drogerie für zwei Euro erhältlich. Ich habe nie jemand kennengelernt, der sich besser und rührender um die Angehörigen kümmert als bei Lumnia. Es beschämt mich, wie diese beiden muslimischen Männer nach den Besuchen sich mit Tränen bedanken. Sie können es nicht fassen, dass sie nichts bezahlen müssen. Eine Krankenschwester kam immer, hat gar nichts gemacht, ausser Jod auf die Wunde geschüttet, das Loch offengelassen und dafür 30 Euro jeden Tag kassiert. Als die Wunde dann zu stinken anfing und Lumnia buchstäblich am Faulen war, ist sie nicht mehr gekommen. Nun steht der Vater vor mir und Tone und sagt: «Warum tut ihr das für uns?» Ich habe keine Antwort, ausser: «Warum sollten wir es nicht tun?» Er sagt sehr bestimmt, wir müssten jetzt unbedingt kurz warten. Dann rennt er in den Garten und gräbt für uns die frischen Kartoffeln aus.
Dieses Unmenschliche bei der Versorgung derjenigen, die am Verletzlichsten sind, diese Form von passiver Gewalt, diese Abzocke, das ist es, was uns jeden Tag beschäftigt. Da braucht es viel viel Umdenken, Umkehr, Hinkehr zum Menschen – nicht nur einen Regimewechsel, so denke ich in diesen Momenten.
Und dann denke ich an die Märtyrer im Sal Kiri, deren Geist noch in den Herzen der Albaner da ist. Ein armer Mann hat dort eine Kapelle an sein Wohnloch angebaut. Und ich denke an die Menschen bei den Demos jetzt. Sie haben Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden und Menschlichkeit. Ich möchte glauben, dass Änderung möglich ist, solange die Sehnsucht danach nicht stirbt. Der heisse Sommer weckt den Durst nach kühlem Wasser, die Not, der Missstand kann die Kreativität der Liebe wecken, die Dürre der Seelen in blühende Weiden wandeln. Wir erleben, wie die Menschen dafür zugänglich sind. Selbst eine kleine Geste der Zuwendung ist heilsam.
Inzwischen ist es zum Ritual geworden, dass Patienten auf ihrem neuen Terminzettel ein kleines Zeichen draufbekommen – ein gemaltes Blümle, ein Smiley, einen kleinen Aufkleber. Da lächeln so viele das erste Mal. Etliche Angehörige sagen, dass der Patient die Zettel aufhebt, weil da ein Zeichen von der Schwester drauf ist. Es braucht nicht viel, um Herzen zu berühren, um Zeichen von Würde zu geben. So versuchen wir, Weg-Gemeinschaft zu buchstabieren, wie und wo immer es uns möglich ist. Und da ist unser Dank an Euch alle, die Ihr mit uns den Weg geht. Wir danken für alle Fürsorge, für jedes Gebet, für die Zeit, für das Interesse, für jede Spende und das Wohlwollen. Wir erbitten Euch gerne den Segen Gottes und wünschen Euch noch gute Sommerwochen und auch erholsame Ferien.
Sr. Christina und Sr. Michaela


