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Das Glück ist gekommen

Liebe Schwestern und Brüder in der Heimat

«Schwester Christina, da ist sie wieder, komm mal»! So ruft Schwester Michaela mich mit freudig liebevoller Stimme in den Korridor. Ich horche auf, verlasse kurz die Ambulanz. Schwester Michaela zeigt auf das Gemüse, das ein Patient gebracht hat und lächelt. «Guck!» sagt sie. Und da sehe ich sie auf einem Zucchini hocken und «anbeten»: Ihre Vordergreifer sind zusammengefaltet wie im Gebet und sie verbeugt sich grazil dazu - immer und immer wieder. Ästhetik, Schönheit, vollendete Anatomie im Zusammenspiel der Bewegung! Ich möchte gar nicht mehr weggucken. Schwester Michaela nimmt sie auf ihre Hand und sie betet weiter. Wir freuen uns. Jedes Jahr hatte wir eine Gottesanbeterin vor dem Haus - irgendwo in einem Blumenstock. Heuer fanden wir bislang keine – nun kommt sie durch das Gemüse - Geschenk eines Patienten - zu uns. Seitdem – es ist nun eine gute Woch eher – denke und meditiere ich über meine Anbetung Gottes. Und ich stelle fast beschämt fest, dass ich oft mehr anbettle als anbete. Und ich denke weiter an dieses grazile grasgrüne Tierchen und meine Gebetshaltung: Vielleicht bin ich erst wirklich in der Anbetung, wenn ich nicht mehr darüber nachdenke – und eben einfach bin – wie sie?? Ich weiss es nicht, ich muss es auch nicht wissen. Aber es ist Glück, die Gottesanbeterin hin und wieder zu beherbergen - so denken wir, so fühlen wir. Und Sr. Michaela setzte sie sacht im Garten auf einen Strauch. Ihr Grün mutet mich belebend an – und steht im krassen Gegensatz zur langsam dürr werdenden Umgebung, im Schein der brennenden Hügel rings um uns rum. Ja, es brennt wieder an vielen Stellen in Albanien der Wald. Die Feuerwehren sind äusserst dürftig ausgerüstet und versuchen mit Stöcken, Hacken und Tüchern zu löschen; vielerorts sind die Bürger sich selbst überlassen. Und mein Blick geht in diesen Tagen besorgt in die nahen Hügel und sucht die Hänge ab. Und in der letzten Nacht hat das Feuer wieder gelodert – es hat sich die Tage über durch die Hänge gefressen und das Grün wie im dunklen Rachen eines Drachen verschluckt. Derweil brennt die Hitze erbarmungslos auf uns runter und lehrt uns das Bitten um Regen, das demütige Bewusstsein von der Abhängigkeit vom kostbaren Wasser und dem Geber dieser Gabe. Die Gottesanbeterin verbeugt sich mit ihren zusammengefalteten Vorder-greifern. Vielleicht müssen wir es neu lernen – durch Feuer und Hitze hindurch. So denke ich.

Und dann – am selben Abend, als die Gottesanbeterin uns aufgesucht hat, da kommt der Abraham und bittet, mit mir reden zu dürfen. Seit gestern ist er mit Sr. Michaela in der Rheinau für die jährlichen Arztvisiten. Leider sind die beiden nach zwei Tagen Fahrt mit Corona dort erkrankt und wir hoffen, dass sie sich bald erholen.
Aber nun zu Abri. Er sagt mir folgendes: «Du, Mom, ich habe jetzt viel über mein Leben nachgedacht. Jetzt weiss ich, dass das Glück zu mir gekommen ist, nicht ich zum Glück gegangen bin. Der Gott hat mir das Glück geschenkt, dass ich die ersten Tage überlebt habe, obwohl ich eigentlich schon fast tot war. Das weiss ich von innen raus so. Und das Glück des Lebens ist zu mir gekommen. Und ich weiss nun auch, dass es überhaupt nicht wichtig ist, ob ein Mensch laufen kann oder nicht laufen kann, wie ich zum Beispiel. Das spielt in deinem Leben überhaupt keine Rolle.» Wir redeten über eine Stunde über das Glück, das Leben haben zu dürfen. Ein Fünfzehn-jähriger im Rollstuhl in einem Land scheinbar ohne Perspektive, in ständigen Krisen, in brutaler Armut – er spricht glasklar und einfach wie der Bergbach im Dukagjin über das Glück des Lebens, das zu ihm kam. Irgendwie kann ich mich da nur stumm verneigen wie die Gottesanbeterin. Und mir kommt nur eines in den Sinn: GOTT!  Ich kann dies schreiben, weil Abraham es mir erlaubt hat.

Und ein kleiner neuer Erdenbürger braucht dieses Glück, von dem Abraham «innendrin» weiss. Der kleine Blondschopf ist gerade mal 6 Wochen alt und hat schon viel durchgemacht. Wenn ich nun seine Geschichte erzähle, dann erzähle ich auch von einer wunderbaren Zusammenarbeit über etliche kurvige Höhenkilometer hinweg. Pater Andreas aus Fushe-Arrez hatte den Kleinen angekündigt, da die Eltern vorher dort gelebt haben und jetzt hier irgendwo im Tal oder in der Stadt ihr Glück versuchen möchten, was jedoch fast immer zum völligen Desaster wird.

Als die Eltern hierherkommen, ist sehr schnell für mich klar: Beide sind – sachte ausgedrückt – heillos überfordert mit der Situation und dem Baby. Ihr Kind hat eine seltene Darmerkrankung, die eine Teilresektion des Dickdarmes erforderlich gemacht hat und nun hat der kleine Mann einen sog. künstlichen Ausgang. Da sie sich nicht kümmern konnten, wie nötig, ist nun das gesamte Umfeld des künstlichen Ausgangs schwer entzündet und die Haut bereits defekt. Die Eltern haben kein Material, den Stuhlgang abzufangen, sie haben weder Kinderwagen noch Tragetasche noch genügend Kleidung, keine Windeln, einfach nix. Die Mutter kann nicht stillen. Sie haben die Milch vergessen und das Baby brüllt vor Hunger oder Durst. Als ich ihnen erkläre, dass bei dieser Hitze mit gerade 40 ° das Baby sehr schnell an Flüssigkeitsmangel sterben könne, da starren mich beide unverständig an. Ich nehme die leere Flasche und sehe, dass vergraute verschimmelte Milchreste von Tagen da drinhängen. Ich schlucke und bleibe ruhig und erkläre, wie und warum man die Flasche sauber halten muss. Und ich putze sie sauber. Dann erkläre ich weiter und zeige, wie das Baby am Wundfeld versorgt werden muss, auf was sie sonst noch bei der Pflege achten müssen usw. Sie hören zu, aber der Vater erklärt immer wieder, dass das alles zu schwierig sei. Feli rennt für mich rum und sucht, was wir noch brauchen. Ich lasse den Vater alles üben, da er aktiver scheint als die Mutter. Der Kleine hat Glück, dass er ein Junge ist. Was mit einem Mädchen wäre, darüber denke ich lieber gar nicht nach. Der Vater macht es erstaunlich gut und ich motiviere ihn. Wir richten Kleidung, Verbandszeug, Feli kauft schnell Babynahrung usw. Dann sagt der Vater doch prompt, dass er ins Ausland möchte. Ich rede ernsthaft mit ihm, versuche ihm, die Verantwortung für seinen Sohn klar zu machen und dass es besser wäre, in die Heimatregion zurückzugehen, wo sie wenigstens ein Feld zum Bebauen haben. Aber sie wiederholen, dass sie hier in der Stadt eine Wohnung suchen - die Mietzahlung steht jedoch in den Sternen. Das ist völlig utopisch. Ich erkläre von Neuem. Die Situation ist sehr schwierig, vor allem, weil das Baby in einem schlechten Zustand ist und ab jetzt nichts mehr schief gehen darf. Ich bläue vor allem dem Vater den kritischen Zustand seines Sohnes ein und vor allem appelliere ich massiv an seine Verantwortung als Vater dieses Kindes. Er verspricht mir, bei einem Freund in Shkoder zu bleiben, das Kind so zu versorgen, wie ich gezeigt habe und dann wiederzukommen. Ich spreche dann nach diesem Besuch umgehend mit Pater Andreas. Und Pater Andreas bestätigt die prekäre Situation der kleinen verwahrlosten Familie. Da hat er die Idee, dass er die Familie in einem Haus in der Nähe seines Klosters im bekannten Umfeld unterbringen könnte – mit einigen klaren Bedingungen und unter Anleitung für das Baby und den Haushalt. Es gibt Hoffnung. Und so sind die Eltern nun nach Fushe-Arrez zurückgekehrt und Lukas und ich sind gestern nochmal dorthin kutschiert und haben den kleinen Riegers nochmal angeguckt. Die Eltern haben das gut gemacht und die Wunde ist etwas abgeheilt. Der Kleine hat zugenommen und Sr. Gratias wird das Baby nun weiter angucken und wir hier unten im Tal sind jederzeit «griffbereit». Pater Andreas wird sich um den Vater kümmern. Wir hoffen, dass er die Verantwortung für seine kleine Familie begreift und sich einigermassen stabilisiert. Aber vorerst haben wir da noch einige Fragezeichen. In solchen Fällen, die leider keine Einzelfälle hier sind, denke ich manchmal fast ein bisschen neidisch an das soziale Netz in der Heimat, wo man nicht so durch die Maschen fällt. Hier gibt es nicht mal «Maschen», weil es kein wirklich funktionierendes soziales Netz gibt. Man ist sich schlichtweg selbst überlassen. Und ein Kinderheim wäre völlig überfordert mit dem Baby. Umso dankbarer bin ich für dieses «Klosternetz» mit der Schwester und den Brüdern in Fushe-Arrez. Wir bauen weiter daran.

Ja, zur Sozialen- und Gesundheitsversorgung hier noch eine kleine Begebenheit, die mich nachdenklich macht: ein Mann aus dem Gesundheitsbereich hat seinen Bruder mit einer versauten Fusswunde (Diabetiker) hierhergebracht. Wir versorgten ihn. Beim dritten Mal schien der Mann mir sehr anders, traurig und irgendwie «daneben» zu sein. Ich fragte ihn nach seinem Befinden und da legte er los und es brach aus ihm raus: «Schwester, es geht mir gesundheitlich gut. Aber schon seit ich das erste Mal mit meinem Bruder hier war und Euch zugeschaut habe, seitdem, da geht es mir seelisch immer schlechter. Und ich frage mich Tag und Nacht, wie es möglich ist, dass Ihr so gut mit den Patienten umgeht, so umsichtig und menschlich. Das könnten wir doch auch. Aber bei uns da ist es brutal. Und ich verstehe jetzt, dass man es anders machen kann. Können Sie uns das nicht beibringen?» Dann weinte er glatt. Ich vereinbarte mit ihm, dass wir im Gespräch bleiben können, da er ja einen Job in diesem System habe.  Mal gucken, ob er im September hier auftaucht oder es hinter sich gelassen hat.

Ich möchte nun nicht versäumen, Euch allen noch gute Sommertage zu wünschen. Und wir sagen Euch allen «Vergelt`s Gott» für alles Wohlwollen, für jegliche Hilfe, die uns so ständig gegeben wird. DANKE. Es ist auch ein grosses Glück, um Euch alle wissen zu dürfen.

Mit herzlichem Segensgruss

Sr. Christina

 

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