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Hoffnung findet Wege

Liebe Schwestern und Brüder in der Heimat,

wenn gerade die Herbstsonne ihre schon längeren Schatten wirft, dann wird es mir bewusst, dass ein Vierteljahr seit dem letzten Rundbrief vergangen ist. Gerne melde ich mich wieder. Wahrscheinlich könnte ich über die letzten Monate ein dickes Buch schreiben.


Es würde den Titel wie oben haben: «Hoffnung findet Wege oder sucht Wege!»

Ich möchte Euch nicht verschweigen, dass wir drei schwere Monate hatten. Seit Dienstag, also vier Tage nun, atmen wir auf. Unsere treue, selbstlose Irena war anfangs Juli am falschen Platz und am falschen Ort. Sie wurde von uns im Dienst dorthin geschickt. Und sie wurde verhaftet – und hat nun drei Monate im Untersuchungsgefängnis verbringen müssen. Die Zeit dazwischen ist schwer in Kürze zu beschreiben: «Sorge um Irena, Wut, Hilflosigkeit, Suchen nach Lösungen, Hoffnung auf sofortige Freilassung, Begraben dieser Hoffnung und wieder neue Hoffnung bis zum nächsten Verhandlungstermin, nicht zuletzt auch die Auseinandersetzung mit meinem Schuldgefühl, dass sie für mich da «einsitzt». Für mich war schwierig, einfach keinen Zugang zu ihr zu bekommen, ich konnte nur einige Male ganz kurz mit ihr telefonieren. Besuchserlaubnis erhielt ich nicht.

Da die Post nicht so funktioniert und geschlossene Brief nur per Post ausgehändigt werden, habe ich das «Tagebuch von Anne Frank» in albanischer Sprache gekauft und in Anne’s Eintragungen einige Gedanken von mir für Irena handschriftlich zugefügt. Irena sagte nun, dass sie dies alles miteinander (mit Zimmergenossinnen) gelesen haben. Niemals hätte ich gedacht, dass ich jemals in so einer Situation sein würde.  

Die Mitarbeiterinnen hier hat es stark mitgenommen, aber diese Zeit hat uns alle auch noch mehr zusammengeschweisst. Ein Geschenk in dieser Zeit hat mir der Himmel gemacht: ich konnte mich irgendwie zu GOTT durchwühlen und das innere Wissen bekommen, dass, trotz allem, GOTT da ist und «nichts, aber auch gar nichts, uns alle von SEINER Liebe trennen kann – auch die grösste Ungerechtigkeit nicht. Aber ich gebe zu, ich wühlte mich da durch, wie so ein Maulwurf, der seinen Gang durch die dunkle Erde buddeln muss. Und ab und zu bin ich mit meiner Maulwurfnase schwer angestossen. In diesen Zeiten war ich umso dankbarer für Sr. Michaela, ihre Sicht, ihre Gefühle, ihr Dasein. Wir sind froh, dass wir uns gegenseitig haben. Dies ist uns in diesen drei Monaten wieder auf ganz andere Weise gezeigt worden. Wir durften diese Herausforderung bestehen, wenn wir auch Blessuren haben, die noch Zeit brauchen. Und Irena ist nun daheim, wenigstens raus aus dem Untersuchungsgefängnis.  Es geht ihr gut; sie braucht aber Zeit. Was wir jetzt schon wissen: Sie war in ihrer Zelle die Mutter und die Freundin und die Trösterin der anderen. Das erste, was sie sagte, als sie uns am Mittwoch dann begegnete: «Ich möchte bitte Kerzen anzünden für jene, die ich dort zurückgelassen habe; ich habe ihnen das versprochen und auch mein Gebet!» Das ist Irena. Sie sagte uns dann noch, dass sie jeden Abend in ihrem Loch ein Gebet zu Gott geschrieben hat. Wir haben dann ein wenig miteinander geweint. Nun haben wir sie wieder und  irgendwie kommt es mir noch ganz unreal vor, als wäre ihre Präsenz nicht wirklich, eher ein Hauch von ihr, der schnell wie entgleitet. Und das Leben hier ist weitergegangen, die Tage sind nach dem Urlaub im August den längeren Abenden entgegengeflogen. Und sie waren und sind gefüllt von viel Not und steigender Armut und gleichzeitig von der Hoffnung der Menschen, bei uns ankern zu können. Leider ist die Coronasituation hier sehr prekär geworden. Eben kam Sr. Michaela und erzählte, dass ein jüngerer Polizist, den wir auch kennen, daran gestorben ist. Gleichzeitig traf sie unseren Trinkwasserlieferer, der dann mitteilte, dass seine Mutter an Covid nun verstorben sei. Wir lieferten noch ein Krankenbett von uns, bevor sie ins Spital überwiesen wurde und dann dort gestorben ist. Es sind jeden Tag neue Familien aus unserem Wohngebiet, die das Virus haben und denen es teilweise sehr schlecht geht. Wir bringen Lebensmittel, Hygieneartikel, Desinfektion und kaufen die notwendigen Medikamente. Die Angst geht nun um; die meisten sind nicht oder noch nicht vollständig geimpft. Wir hoffen und beten und tun, was wir können. Die ökonomische Situation hat sich die letzten zwei Wochen enorm verschlechtert, da die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis, Speiseöl enorm gestiegen sind. Gemüse und Obst ist nicht mehr erschwinglich. Gemüseskandale wie z.B. mit längst verbotenen Pestiziden verseuchte und nun aus dem Verkehr genommenen Tomaten, machen das Ganze zur vollen Misere. Dazu kommt noch eine angekündigte Preissteigerung für Wasser, Strom und Gas. Die meisten Menschen hier wissen nicht mehr, wie sie diesen Winter überstehen sollen. Sie denken nur noch an eines: nichts wie raus aus diesem Land. Dazwischen sind dann noch wir wie so ein flackernder Leuchtturm im Sturm. Ja, sie kommen nun in Haufen, in Scharen, in Verzweiflung und mit Hoffnung. Schwester Michaela hat schon begonnen, die noch nicht verteuerten Makkaroni aufzukaufen, damit wir diese verteilen können. Dank sei Gott können wir unsere Kinder im Kindergarten jeden Tag mit gutem, vitaminhaltigem Essen versorgen.
Täglich werden wir zu Kranken in den Häusern gerufen. Die verfaulen in den Betten und sind allein gelassen. Wir müssen eine Art häusliche Krankenpflege aufbauen. Wir können das selbst nicht mehr stemmen, da die Menschen aus allen Himmelsrichtungen zu uns kommen. Die ersten Gespräche sind geführt, da die weiteren Anfragen diesbezüglich auch von zwei Priestern aus umliegenden Gemeinden gekommen sind. Es ist gut, wenn das Blickfeld soweit ist, dass die Notlage erkannt ist und die Pflegbedürftigen langsam aus der Tabuzone in das Lebensumfeld rücken. Wo der Leidensdruck nicht die Depression, sondern gutes Hinter-fragen und Aktivwerden fördert, da besteht Hoffnung auf anhaltende Kreativität zur Änderung. So stehen nun in diesem Monat die ersten Gespräche zur Realisierung der Hilfeleistung bevor. Ich bin schon gespannt und auch voller Tatendrang. Die Alten und Schwerkranken liegen uns sehr am Herzen, manchmal auch ein paar Nächte lang im Magen.

Da muss ich eine Erfahrung erzählen, die mich seitdem auch nicht mehr losgelassen hat. Es ist jetzt keine so ästhetische Begebenheit: Ich wurde von einer jungen Schwester aus einem anderen Orden gebeten, mit ihr eine Schwerkranke zu besuchen, weil sie mit dieser Frau nicht weiterwisse, wie sie sagte. Sie sagte mir am Telefon nur, dass es einfach schrecklich wäre dort und ich bald kommen sollte. Ich vereinbarte mit ihr am selben Nachmittag einen Besuch. Was ich dann erlebte, war eine der heftigsten Krankenbesuche, die ich bislang gemacht habe: eine etwas übergewichtige alte Frau lag auf einem gestickten, verdreckten Sofakissen auf der Seite auf einem alten Bettgestell. Die stark angeschwollenen und aufgeplatzten Beine lagen schräg ausserhalb des Bettes auf einem Holzstuhl. Das Wundwasser tropfte runter. Als ich sie mit ihrem Namen ansprach, drehte sie sich langsam zu mir um und ich blickte in ein Blut verschmiertes Gesicht, das heisst, Blutkrusten verklebten ihr Gesicht. Das ganze Bett war voll mit Blut verschmierten Lumpen, überall war altes verschimmeltes Essen und es roch nach Urin und Blut und Fäulnis. Ich kam vor lauter Unrat nicht durch, um das Fenster zu öffnen. Die Tochter, die da war, sagte mir, dass sie selbst schwer depressiv sei und sie sich nicht um die Mutter kümmern könne. Seit zwei Tagen hatte die Frau schwere Blutungen aus Mund und Nase. Das Blut liess sie sich nicht wegwischen. Einen Arzt sowie die Einweisung ins Krankenhaus verweigerte sie aus Angst, dass sie dort von Corona angesteckt werden könnte. Ich vermutete allerdings bei ihr selbst Corona. Sie hatte schwerste Atemnot und auch Fieber. Sie verweigerte mir auch, sie zu waschen usw. Wir konnten mit ihr vereinbaren, dass die Vinzentinerin mit einer Frau zuerst mal das Zimmer ein wenig in Ordnung bringen wird. Ich versprach ihr, eines unserer Pflegebetten für sie zu organisieren. Es war in diesem Zimmer jedoch keinerlei Platz für dieses. Ich entdeckte eine zweite Tür am Gang und fragte, ob dieses Zimmer denn für das Bett Platz habe. Da erreichte mich ein schriller Schrei aus dem Krankenzimmer. Die kranke Frau verbot mir mit aller Kraft, dass ich in dieses Zimmer trete. Der schrille Schrei dieser mit Blut verschmierten, völlig atemlosen und entkräfteten Frau sitzt mir noch heute in den Gliedern. Ich ging zu ihr zurück und fragte vorsichtig, was es denn mit diesem Zimmer auf sich habe. Da sagte sie folgendes – mit sichtlicher Angst: «In diesem Zimmer lebt die Seele meines Mannes; er ist dort gestorben!» Ich konnte mich nicht setzen, da alles so verschmuddelt war. Aber jetzt rang ich irgendwie auch nach Atem oder ich brauchte eine Atempause, um gut reagieren zu können.

Ich fragte sie dann ein wenig nach ihrem wohl vor Jahren verstorbenen Mann und ging langsam das Thema nach der Öffnung des Zimmers an. Ich sagte ihr auch, dass ich sicher sei, dass ihr Mann seinen Frieden gefunden habe und seine Seele nun frei sei. Sie willigte ein, dass ich die Tür öffne und reinschauen kann. Aber sie erklärte mir nochmals mit aller Kraft, dass sie niemals in dieses Zimmer gehen werde. Nun, ein Schritt der Annäherung an das Seelengespenst des verstorbenen Mannes war damit getan. Sie hatte die Tür auch zu ihrer verbarrikadierten Seelen-Angst einen kleinen Spalt geöffnet. Was ich dann sah und vor allem roch, das war dann schon eher wieder gespenstisch: Das Totenbett war noch so, wie vor Jahren, aber alles vergärt, verschimmelt. Der Gestank wurde von einem Eimer voller verfaulten Zwiebeln dann noch gesteigert. Ich lief raus auf den grauen, tristen Gang des Blockhauses und lehnte mich über das Treppengeländer. Dieser Besuch schreit mir die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer organisierten ambulanten Betreuung der Kranken und Alten förmlich ins Gesicht.

Und da kommt in diese Not der Menschen dann einfach Hoffnung: da machen sich Leute wie die «Bullis», trotz Corona, auf den Weg und bringen Hilfsgüter. Sie laden nicht nur ab - sie interessieren sich für die Menschen und uns. Da kommen Pakete, da kommen Praktikanten, um uns ganz praktisch zu helfen, da wird für uns gebetet, da wird organisiert und gefragt, wie es uns denn geht. Und da haben Geschäftsleute aus meiner Heimatstadt ihre Kleider, die wegen Corona nicht verkauft werden konnten, nicht einfach entsorgt. Diese neuen Kleider haben wir nun bekommen. Diese Solidarität ist Hoffnung. Es wäre einfacher gewesen, diese Kleider zu entsorgen. Viel Einsatz von ganz vielen Leuten hat es gebraucht, diesen Transport zu ermöglichen. Wir sind unglaublich dankbar und gerade am Verteilen. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie glücklich die Menschen hier sind, einmal ein neues Kleidungs-stück anziehen zu dürfen. Eine junge Frau hat mir geschrieben, dass sie die ganze Nacht nicht geschlafen hat, weil sie die Hose und den Pullover nicht mehr ausgezogen hat.

Und die kommende kalte Jahreszeit mit weniger Strom und Licht und Wärme wird leichter, weil eine warme neue Jacke wärmt.  Wir können Euch allen nur danken für jegliche Form Eurer Unter-stützung, sei diese materiell oder menschlich und spirituell. DANKE. Gott segne Euch alle

Sr. Christina und Sr. Michaela

 

herbst 2021