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Lebendig werden

Liebe Schwestern und Brüder

Es ist der 1. Mai und ich grüsse Euch ganz herzlich aus dem Klösterle in Albanien. Es wird auch Zeit, dass ich mich wieder melde. Schnell verflog der April. Wenn man ihm Launenhaftigkeit zuschreibt, so war das diesmal das passende Attribut. Aber es steht ihm wohl zu, diesem Monat, mit vielschichtigen Launen der Natur uns Menschen vielleicht auch zum Nachdenken zu bringen.

Die letzten Tage hatten wir warmes Frühlingswetter; die ersten Rosen blühen, die Maiglöckchen aus meiner Eltern Garten haben sich hier gut eingelebt und blühen vor meiner Klosterzelle. Apfelbaum, Kirsche und Birne sind mit der Blüte durch. Im Livade, unserem Wohngebiet, sind nach dem Hochwasser kleine Wunder geschehen. Es war unsere grosse Sorge, wie der Müll in den Kanälen bewältigt wird, wie es weitergehen wird nach dem Schlamm und Dreck und Müll.

Zuerst fingen in einem Teil des Gebietes die Männer an, freiwillig ihren Kanal zu säubern. Schwere Dornen, Gestrüpp und der angeschwemmte und auch abgeladene Müll mussten weggeräumt werden. Sie arbeiteten hart und es war das erste Mal, dass Männer hier Müll wegräumen und nicht die Frauen. Und dass sie das mit den Händen tun und keinen Bagger möchten. Wir besorgten die Macheten, Rechen und Schaufeln und sie werkelten. Auf diese Aktion reagierten glatt die öffentlichen Fernsehsender und verlangten nach Interviews. Und unsere einfachen Männer konnten gut artikulieren, dass sie sich jetzt unter die Naturschützer zählen. Und sie sind stolz auf ihre Aufgabe und dürfen dies auch sein.

Dann war da ein anderer Kanal, der zur völligen Müllhalde verkommen war. Die Familien dort leben hinter grossen Mauern und waren immer sehr verschlossen. Der Gestank nach dem Hochwasser hat aber vor den Mauern nicht Halt gemacht. Ich sah eigentlich keine Möglichkeit, hier jemanden zum Säubern des Kanals zu motivieren. Eines Tages fuhr ich vorbei und sah eine junge Frau und Mutter von zwei kleinen Kids, wie sie ihren Hausmüll auch dazu schüttete.

Ich zögerte kurz und spürte, wie ich mich ärgern möchte darüber. Als ich das Auto bremste, bremste ich mich auch ab und stieg ruhig aus. Ich fragte die junge Frau, warum sie ihren Müll hier rein-schmeisst. Ich wusste, dass sie eine Mülltonne hat und unser Müllmann auch hierher kommt zum Müll einsammeln. Sie antwortete schnippig, dass dies ja alle tun und zeigte mir relativ deutlich, dass dies mich gar nichts angehe. Ich wurde kämpferisch und auch neugierig und fragte sie, ob sie sich vorstellen könnte, dass hier statt einer Müllhalde ein schöner Garten wäre mit Blumen und Pflanzen und ob ihr das gefallen würde. Sie guckte verdutzt und sagte: «Ja, klar würde mir das gefallen». Ich sagte zu ihr: «Ok, pass auf: übermorgen (ich weiss noch genau, dass es Mittwoch war, als ich sie traf) um 10 Uhr bin ich hier. Du bringst ein paar andere mit und ihr fangt an, den Garten zu bauen.  Also, bis übermorgen!» Sie guckte mich an und lächelte etwas merkwürdig, wenn nicht mitleidig mit mir. Ich glaube, sie meinte ich wäre übergeschnappt. Ich gebe zu, an diesem Freitag dann habe ich überlegt, ob ich überhaupt rausfahren soll. Aber ich bin los. Und dann traute ich meinen Augen nicht: Da waren 6 junge Frauen, die warteten und bereits mit dem Wegräumen der Dornen begonnen hatten. Sie kamen auf mich zu und übertrafen sich, mir zu sagen, wie sie einen Garten machen möchten, wie sie etwas Schönes tun möchten usw. Nun, am zweiten Tag waren 14 Frauen versammelt. Und sie schafften und planten und waren kreativ, wie ich es nie erträumt hätte. Und alle arbeiteten und sie waren glücklich. Es ist ein richtiger kleiner Park entlang des Weges entstanden. Wir konnten Pflanzen kaufen und einen Wasserschlauch zum Bewässern. Dann hatten die Frauen noch den Wunsch, eine Muttergottes in den Park zu stellen. Die bekommt jetzt noch eine Grotte. In feierlicher Prozession wurde sie installiert. Nun habe ich den Frauen versprochen, öfters zu kommen.

Sie möchten viel wissen: über den Glauben, über Gott, über Kindererziehung und wie man die Umwelt schützt. Es ist neues Leben, neue Hoffnung, ein Miteinander, das allen dort wie ein Wunder erscheint. Garten Eden sage ich dazu. Der Geist weht, wo und wie er will.

Ja und lebendig war es für mich die letzten zwei Wochen auch, bedingt noch durch etwas anderes: Ich wurde zum Unterricht für die Klassen 6 bis 9 zum Thema «Pubertät» in eine grosse Schule gebeten. Ich gebe zu, ich hatte Respekt vor dieser Aufgabe, nicht zuletzt wegen des Zeitfaktors. Aber Schwester Michaela redete mir zu und verwies mich mit Recht auf Priorität. Es ist hier so, dass dieses Thema noch so viel wie ein völliges Tabu ist. Und die Jugendlichen sind mit all den Fragen und den Problemen ihrer Entwicklung allein gelassen. Die Lehrer können nicht aus ihrer Tradition und das Thema wird übergangen oder höchstens mit Geboten oder Verboten gespickt behandelt. Das Wort Sexualität wird sowieso ausgespart. Nun, wir gingen es an. Und es waren tolle Tage mit den Kids. Aber es hat in mir auch viel Nachdenklichkeit hinterlassen und wie und ob man das Thema weiter und breiter angehen kann. Ein paar Dinge daraus beschäftigen mich besonders: mindestens 70 % der ca. 140 Schüler die ich hatte, waren und sind in Pornoseiten im Internet – natürlich ohne Wissen der Eltern oder Lehrer, mindestens ein Viertel hat bereits gekifft. Dies sind vor allem die Jungs, die hier ja viel mehr Freiheiten haben als die Mädchen. Ich stellte fest: Ahnungslosigkeit und gesellschaftliches Tabu, dann eben der heimliche Konsum von all dem, was aus dem Westen zu konsumieren ist.  Diese «Mischung» ist meines Erachtens einfach eine Katastrophe.
Ich beobachtete die Kids, wie sie erleichtert waren, dass jemand zuhört, dass dies alles mal zum Thema wird, dass sie nicht einfach verurteilt werden oder man sie als schlimme Sünder bezeichnet. Ein Dreizehnjähriger streckte den Finger und fragte leise: Du, ist es wahr, dass ich keine Kinder mehr zeugen kann, weil ich masturbiert habe? Ich merkte, dass etliche dieselbe bange Frage in sich tragen. Wie diese Jungs aufatmeten, als ich ihnen sagte, dass dies ganz und gar nicht stimme. Sie applaudierten und einige rissen wirklich wie befreit die Hände hoch, einer pfiff. Dann die Mädchen: ich fragte sie, wer denn lieber ein Junge sein möchte. Von 30 Mädchen flogen bei 29 die Hände sofort hoch. Als ich fragte: «Ja, warum möchtet ihr ein Junge sein?» kamen zwei Antworten:

Hauptgrund: «Dann sind wir stärker». Der zweite Grund: «Dann sind wir auch freier.» Wir haben darüber noch lange geredet. Schläge und beherrscht werden von den Brüdern scheinen ihnen «normal» zu sein und doch regt sich langsam aber sicher der Aufstand. Ein Mädchen sagte mir, dass sie auch leben wollen wie alle Mädchen in Europa. Ich bin immer noch betroffen und nachdenklich und habe das Gefühl, dass wir hier vor einem Vulkan stehen, der zu brodeln beginnt und der Ent-lastung braucht. Und ich habe auch das Gefühl, dass man mit diesen tollen Jugendlichen die Welt verändern kann. Sie haben Kraft, sie haben Disziplin, sie sind einzig orientierungslos. Und sie brauchen uns Erwachsene als Freunde, nicht als Moralapostel und Angstmacher. Und ich gebe zu, ich dachte an meine Gemeinschaft, die ja den Namen «Weggemeinschaft» trägt. Nun, ich durfte ein kleines Stückchen auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben teilhaben. Der geplante Unterricht ist abgeschlossen, es bleiben aber Anfragen an mich vonseiten der Schule.

Weitere Anfragen gehen an uns: immer mehr Kranke kommen, immer mehr Krebskranke, die Palliativversorgung brauchen, liegen daheim. Und in unserer Ambulanz ist die Überbelastung sozusagen Normalzustand geworden. Covid hat die Situation verschärft. Derzeit gehen jedoch offiziell die Zahl der Erkrankten zurück. Wir haben keinen Lockdown, an die Maskenpflicht hält sich kaum jemand. Überall treffen sich die Menschen und wenn man Covid hat, so überlebt man oder man stirbt. Es wurde hier mit Impfungen begonnen, von überall her ist verschiedener Impfstoff gekommen. Wir hoffen und beten, dass sich die Situation weiter stabilisiert. Manchmal taucht da in mir die Situation in Indien auf und Sr. Michaela und ich fragen uns, wie wir hier eine solche Welle schaffen würden. Dann wissen wir, dass wir das einzig und allein dem Schöpfer überlassen müssen und dürfen. Und das ist auch gut so.

Nun gehen wir dem Fest des Heiligen Geistes entgegen und wir bitten, dass der Geist Gottes, dieser Geist des Lebens, Euch und uns besuchen und beleben möge und dass die Kreativität des Schöpfer-geistes uns den Mut und den Elan gebe, um an die Ränder zu gehen zu jenen, die auf uns warten. DANKE für all Eure Hilfe, Eure Gebete und Eure Solidarität.
Mit besten Segensgrüssen

Sr. Christina mit Sr. Michaela

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