Demo

Das Mädchen mit dem weissen Bindenkleidchen

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde

Grüss Gott. Es herbstelt. Schwer hängt der Granatapfel, übervoll drohen einige Zweige zu brechen. Nach dem schweren Erdbeben vor einer Woche und noch darauffolgenden schweren Gewitterregen ist die Natur ruhig und farbig und den Granatapfel schenkend. Ich mag ihn sehr, wie er im schweren Blutrot in der Sonne glänzt.


Im Kinderzentrum wimmelt es wieder von Kindern. 75 sind im Kindergarten angemeldet -mehr als wir erwartet haben. Ab jetzt haben wir zusätzlich eine Hausaufgabenbetreuung für die Erstklässler. Wir machen sozusagen die erste Probe ab nächster Woche und sind schon gespannt. Ebenso bieten wir gleichzeitig einen Internetzugang an. Immer mehr Kinder müssen ab der vierten oder fünften Klasse per Internet Informationen für Projektarbeiten abrufen. Und in unserem Armenviertel haben die meisten diese Möglichkeiten nicht selber. So möchten wir diese «Lücke» füllen und den Kids gleichzeitig einen sinnvollen Gebrauch des Internets vermitteln. Gott sei Dank haben wir in diesem Jahr zwei Praktikanten, die uns und die albanischen Erzieher dabei unterstützen.


Und diese Herbstzeit ist gleichzeitig Raki-Brennzeit. Da stellen wir uns dann schon auf erhöhte Patientenzahlen mit schweren Verbrennungen ein. Immer wieder explodiert das Gefäss mit heissem Früchtesud und es gibt schwere Verletzungen. Da die Leute meistens schwarz brennen, ist diese Arbeit auch ein gewisser Stress und erhöht dann die Verletzungs-gefahr. Die letzten Tage haben wir auch etliche schwer verbrannte Kinder. Und ich möchte Euch von der kleinen Amanda erzählen. Schwester Michaela kommt und sagt mit belegter Stimme, dass draussen im Auto ein kleines Mädchen mit total verbranntem Oberkörper sitzt und selbst um eine «Creme» bittet. Dazu meint sie, wir müssen die Kleine gleich weiter nach Tirana schicken. Sie fragt mich auch, ob ich einen leeren Magen habe. Ich nicke und sage kurz: «Rein mit der Kleinen, wir gucken mal!» Schon im Korridor höre ich eine aufgeregte, hohe, sich überschlagende Kinderstimme: «Ich brauche keine Spritze, bekomme ich eine Spritze, bitte eine Creme, keine Spritze!» Ich nähere mich Amanda. Sie ist mit nacktem Oberkörper, der völlig verbrannt ist. Die Haut hängt runter; sie zittert und sagt mir: «Schwester, die Muttergottes hat mir gesagt, dass du mich gesund machst.» Ich sage: «So, so, die Muttergottes ist aber ganz schön mutig, so etwas zu sagen.» Und wieder sagt Amanda, die mir auch verraten hat, dass sie einen Tag vorher sechs Jahre alt geworden ist: «Ja, die Muttergottes hat es mir gesagt.» Und dann ist sie wieder bei der Spritze, die ihr offensichtlich das kalte Grauen beschert. Die Mutter ist auch geschockt, Oma und Opa sind  mit dabei und stehen hilflos daneben und gucken mich und Sr. Michaela an, was wir wohl nun machen. Wir gehen in die Ambulanz. Die Kleine ist total traumatisiert und zittert und wir decken sie erstmal etwas zu. Die Verbrennung ist schwer. Sie hatte sich zu ihrem Geburtstag eine Suppe mit Fleisch gewünscht und sich dann beim Probieren den gesamten Topf mit dem heissen Fleischsud über den Oberkörper gekippt. Erstmal muss sie versorgt werden, dann sehen wir weiter. Relativ schnell ist sie unseren Erklärungen zugänglich, nachdem ich ihr versrochen habe, dass ich ihr keine Spritze gebe. Aber sie vibriert vor Angst. Jeden Handgriff, jede Bewegung von mir oder Sr. Michaela ortet sie sofort und fragt, was wir nun tun. Wir erklären ihr alles, lassen ihr die Salbe selbst ein wenig auf die Wunde schmieren usw. Sie gewinnt Vertrauen und wir können sie verbinden. Der Körper ist siedendheiss; sie hat Temperatur.


Wir fragen die Mutter, warum die Kleine so traumatisiert ist. Diese erzählt uns dann, dass Amanda vor zwei Jahren von einem Hund ziemlich gebissen wurde. Im Krankenhaus wurde sie dann festgehalten und ohne ein Schmerzmittel und ohne Lokalbetäubung genäht. Dann bekam sie Antibiotikaspritzen, die ihr sehr weh getan haben. Schon wenn sie in die Nähe des Krankenhauses kommen, dreht sie durch. Mir treibt es bei der Erzählung den Zorn ins Gesicht. Immer sind es dieselben Geschichten. Und die Kids sind ein Leben lang gezeichnet. Wieder frage ich mich, warum die Brutalität in den Krankenhäusern ist, wieder und wieder stelle ich diese Fragen. Wieder und wieder finde ich keine Antwort. Und ich weiss ganz genau, dass ich jetzt Amanda nicht wieder der Brutalität ausliefern darf - obwohl viele Indizien für einen stationären Aufenthalt in Tirana sprechen. Ich tausche mich mit Sr. Michaela aus. Wir wagen es und behandeln sie erstmal bei uns. Als wir den Verband mit Mullbinden setzen und der Oberkörper verbunden ist, sagt Amanda: «Oh, guckt mal, jetzt habe ich ein schönes, weisses Kleidchen bekommen». Mir schiessen die Tränen in die Augen.


Die Angst der Kleinen geht mir die ganze Nacht nach, auch ob unsere Entscheidung richtig war. Ich bin froh, dass sie sich am nächsten Tag stabilisiert hat. Ihr Allgemeinzustand ist besser; die Wunde ist auf keinen Fall schlechter und Amanda hat Flüssigkeit zu sich genommen, die Antibiotika geschluckt und auch geschlafen. Beim Verbandswechsel ist sie wieder im Trauma. Wir geben ihr eine Plüschkatze, und ich sage ihr, dass diese Katze den Angstwolf in ihrem Bauch vertreiben kann und der haut dann ab in den Wald. Sie kann das der Katze selber auftragen. Amanda geht darauf total ein und sagt dann, dass sie die Katze auch mit in der Nacht ins Bett nehmen wird. Seitdem war Amanda nun dreimal hier - immer mit der Katze. Sie erzählt, dass der Angstwolf immer in den Wald abhaut, wenn sie die Katze ruft. Und Amanda hat der Katze einen Verband angelegt und dann beim letzten Mal hat sie der Katze eine Spritze gegeben. Und so die Muttergottes möchte, kann Amanda vielleicht auch von ihrem Trauma ein bisschen geheilt werden. Wir hoffen auch, dass die Brandwunden heilen.


Weniger gut schaut es bei einem zweijährigen Jungen aus. Wir wurden vor drei Tagen von seiner Mutter angerufen. Der Kleine liegt seit über drei Wochen im Hospital in Tirana. Sein Papa hat ihn mit dem kleinen alten Traktor mitgenommen. Diese alten Dinger haben einen scheppernden ungeschützten Seitenmotor. Der Kleine hat sein Füsschen in den Antriebs-riemen gebracht und nun ist es völlig «Matsche». Ausser einer Gipsschiene und Antibiotika wurde bis jetzt keine Behandlung angesetzt. Die Eltern sind bettelarm, haben noch drei Töchter im Alter von 12, 8 und 6 Jahren. Und sie konnten nicht genug bezahlen; sind bereits ruiniert. Der Kleine hat kaum Schmerzmittel und muss inzwischen schon schreien, wenn jemand die Krankenzimmertüre öffnet. Wir haben die Fusswunde per Foto bekommen, aber dieses Bild muten wir niemanden von Euch zu. Dann bekamen wir gestern Nachmittag einen weiteren Hilferuf. Ein junger Familienvater, der in Montenegro arbeitete (natürlich Schwarzarbeit als Tagelöhner) wurde beim Holzfällen dort schwerst getroffen. Auch er liegt praktisch unbehandelt im Krankenhaus. Wir haben uns nun eingeschaltet und stellen auch ihn unter unsere Obhut. Wenigstens können wir dann Ärzte rekrutieren, die sich der Patienten annehmen. Klar müssen wir die Behandlungen bezahlen, aber hin und wieder bekommen wir bei «unseren» Patienten Sonderpreise.  Und so ist der September fast vorbei. Heute ist Michaelistag, ein besonderer Tag hier. Der Erzengel wird bereits am Vorabend in den Familien hoch gefeiert. Seit zwei Tagen schon hatte der Nachbar seine Ziege ange-bunden, die dann gestern Abend zu Ehren des Erzengels ihr Leben lassen musste. Eine Kerze muss unbedingt entzündet werden und der Mythos um den Kämpfer gegen Satan ist in diesen Tagen fast spürbar. Dieser Abend von St. Migeli ist dann auch Versöhnungsabend bei Blutrachefehden. Mich beschäftigt die tiefe einfache Gläubigkeit des Volkes, wenn es auch eine Gläubigkeit ist, die uns fremd oder sogar abartig scheint. Das albanische Volk hat eine gläubige Seele und ich denke, darauf müssen wir ein Augenmerk legen, das Vertrauen und den Glauben an Gott stärken und vor allem auch selbst leben. Ich denke da im Moment - und damit möchte ich schliessen - an meinen Freund von der Strasse. Dieser ein wenig behinderte Mann ist ein naher Verwandter zu Brüdern, die wegen schwerer organisierter Kriminalität gesucht werden oder bereits im Gefängnis sind. Ich weiss seinen Vornamen nicht, da ich ihn nur «Freund» nenne. Den Freund treffe ich immer, wenn er seine Kühe von der Weide nach Hause holt. Er ging immer mit gesenktem Blick, bis ich ihn eines Tages ansprach und ihm sagte, dass seine Kühe immer sauber sind, nie mit Kuhdreck. Das hat ein Eis geschmolzen. Seitdem winkt er mir zu und wir wechseln ein paar Worte. Er redet mich mit «Moter» an. Und vor einigen Tagen ist etwas geschehen, was mir nachgeht: Ich hielt mit dem Auto an, kurbelte wieder das Fenster runter und er kam gleich. Er machte das Kreuz, obwohl er Muslime ist, fasste mich am Habitärmel und sagte, dass er über unser «Kleid» viel nachdenkt und machte nochmal das Kreuz. Dann küsste er mir die Hand. Das einfache Glaubenszeugnis eines einfachen Kuhknechtes, der von allen gemieden ist, weil seine Verwandten Verbrecher sind? In jedem Fall ein Freund von der Strasse und ich glaube, Gott schaut sehr wohlgefällig auf diesen einfachen Knecht, der seine Kühe so gut behandelt.


Ich möchte Euch allen einen guten gesegneten Herbst wünschen mit «Herbsttagen, wie sie keiner sah» (nach Rilke). Und ich möchte DANKE sagen für jedes Gebet, jeden guten Gedanken und jedes gute Werk für uns und die Armen hier.

Gerne beten wir für Euch.


Mit herzlichem Gruss


Eure Sr. Christina

 

maedchen weis

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