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Die Ernte ist reif

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde


Herzlich grüssen wir Euch aus dem albanischen Hochsommer. Wir stehen kurz vor unseren Ferien und ich möchte Euch noch vom Sommer hier erzählen. Die letzten zwei Wochen sind unsere früheren Praktikantinnen Felicitas und Luise zu uns gekommen. Dann ist Lukas die letzten Tage seines Freiwilligendienstes hier und  Maria ist dazu gekommen. Diesen jungen Leuten danke ich für ihren tollen Einsatz bei uns und für jeden Austausch, für jede junge Idee usw. Und so waren wir unterwegs in die näheren Berge, um wilden Lavendel und  Salbei zu pflücken und zu verarbeiten. Die Luft ist fast schwer vom einschläfernden Duft des Lavendel, als wir durch die Wiesen streifen. Beinahe hätte ich aus Versehen nach einer giftigen Spinne gegriffen. Neben einigen Feldern mit wildem Lavendel wurde in dieser Gegend seit ein paar Jahren der Lavendel kultiviert und den Kleinbauern wurde ein guter Absatzmarkt versprochen.  Nun streifen meine Augen über blaue kultivierte Lavendelfelder; der Lavendel ist heuer überreif und zu zwei Drittel nicht geerntet. Einige Bauern haben es geschafft, einen Absatzmarkt zu finden; die meisten nicht. Ich werde traurig, wenn ich diese Felder sehe, wenn ich sehe, wie die eh schon karge Ackerkrume schon nach zwei, drei Jahren ausgewaschen ist und der Stein überwiegt. Viele Kleinbauern haben sich durch die Investitionen verschuldet. Sie sind nun am Verelenden und auch völlig deprimiert. Lavendel kann man nicht essen. Sie hatten Hoffnung und so viel Energie beim Roden ihrer Felder, als der Westen den Absatzmarkt versprochen hat. Die Hoffnung ist zerfallen, wie die verlassenen Häuser in den Geisterdörfern durch die wir fahren. Die Menschen sind weg gegangen; der Lavendel war nicht die zugesagte Existenzsicherung. Eine Frau aus einem Dorf sagt uns, dass nun noch drei Familien da sind und es auch keine Arbeiter mehr für die Ernte gibt. Ich schlucke. Die Schönheit dieses Landes ist überwältigend, aber die Armut drückt den Atem ab. Und gleichzeitig denke ich, dass man etwas gegen diese Landflucht tun muss. Dieses schöne Land mit dem Lavendel, mit dem Salbei, den Esskastanienwäldern, es darf nicht aufgegeben werden. So denke ich…

Und ich denke an die vielen jungen Leute, die weggegangen sind, an die Krankenschwestern, die die reicheren Länder wegholen und die hier massiv fehlen…Ich möchte rufen:“ Kommt zurück, Eure Alten und Kranken brauchen Euch!“  Sie sind nicht karrieresüchtig, aber sie haben hier alle kein Einkommen, das für das Nötigste reichen würde, schon gar nicht für eine Familiengründung. Albanien hat eine neue Wunde und die heisst: „Ausgeblutet!“  Und ich denke an die vielen, vielen Patienten,  die zu uns ins Kloster kommen; es werden jeden Tag mehr. Ich denke an jene, die in den Häusern pflegebedürftig und mit schwersten Krankheiten bei dieser Hitze ohne ausreichende Pflege liegen. Ihre noch verbliebenen Angehörigen oder auch Nachbarn kommen inzwischen mit Fotos zu uns und wir sehen darauf tiefe Dekubitusgeschwüre, die  bis auf die Knochen gehen. Wir tun, was wir können, unterstützen die Angehörigen in der Pflege, vergebe die Krankenbetten, versorgen mit Bettwäsche und Schmerzmittel, begleiten die Sterbenden und versuchen, Hoffnung  zu geben, wie immer es möglich ist.

Und Hoffnung kann nun seit gestern auch eine Familie in Blutrache hier haben. Endlich fühlte ich die Zeit reif, zu einer Rächerfamilie in die tiefsten Berge von Tropoja zu gehen. Die letzten Wochen waren immer wieder Unwetter, so dass wir es nie wagten, dorthin zu fahren. So hatten wir unseren Freund und einen guten Chauffeur für gestern um 5 Uhr Früh bestellt. Die Praktikanten wollten alle mit in die Berge rein. 5  Stunden hin und 5 Stunden zurück waren geplant. Wir waren bereit und als der Chauffeur kam, sah ich, dass irgendwas nicht stimmte. Er wollte mich dringend sprechen. Und er sagte einfach, er könne uns nicht fahren. Ich fragte nach dem Grund und die Antwort gab Sokol kurz und trocken: „Er ist der Neffe vom Rächer und er kann Dich nicht dorthin bringen!“

Ich ging kurz drei Schritte zurück und versuchte noch (mit meinem westlichen Denken natürlich) die Fahrt zu retten, indem ich sagte, er sei doch neutral und er brauche ja nicht mit  zu den Leuten gehen, er wäre nur der Chauffeur. Dann prasselte es jedoch von den beiden Männern auf mich rein und ich kapierte, dass ich es hier natürlich mit Ehre zu tun habe und dass die beiden Tropoja-Männer jetzt voll im Kanun sind und es klar nicht möglich ist, dass der Neffe des Rächers fährt.  Ich sagte, ich habe verstanden und sie sollen einfach wieder nach Hause gehen. Aber nun erklärten sie mir, dass mein ganzes Unterfangen, überhaupt dorthin zu fahren,  zu gefährlich wäre; dass ich das Ganze nur aufheize mit meinem Vermittlungsversuch und ich das Rechtssystem des Gesetzes der Berge sowieso nicht verstehe. Peng! Ich spürte, dass die beiden Männer jetzt mit irgendwas nicht klar kamen und sagte ihnen, dass sie jetzt wirklich ruhig nach Hause gehen könnten und ich den Chauffeur verstehe und er trotzdem für mich ein guter Chauffeur bleibt. Das beruhigte ihn. Sokol beteuerte noch, dass er mit mir ja überall hingehen würde, aber dorthin…. ich müsste doch verstehen. Ich sagte, dass ich verstanden habe und es ok ist. So ziehen die beiden ab und wir standen im Hof, in der Früh kurz vor 6, wie bestellt und eben nicht abgeholt. Kurzerhand planen wir, erstmal in die Natur zu fahren und dort ein Frühstückpicknick zu machen. Ich brauche tatsächlich ein wenig Luft, um das Abgelaufene einzuordnen. Die Aggressivität und das nicht Gesagte, aber doch Gespürte der beiden Tropojaner, lassen mich im Moment nicht klar denken, merke ich. Viele Gedanken sind durcheinander, die Reaktionen sind für mich rätselhaft. So ist Albanien denke ich und muss glatt lachen. Wir sind noch keine 10 Minuten unterwegs zu unserem Picknick, als mir plötzlich klar ist, dass ich einfach ohne die zwei Männer dorthin sollte. Ich frage kurzerhand Lukas, ob er sich getraut in diese wilden Berge zu fahren. Er sagt zu, die drei anderen jungen Leute wollen auch mitkommen. Ich rufe noch Sr. Michaela an und unterhalte mich kurz mit ihr. Sie bestärkt mich. So tuckern wir weiter Richtung Lek Bibaj, Tropoja.  Ich behalte mir vor, auch umzukehren, wenn ich anderes spüre oder Lukas die Strassen zu riskant werden. Die Jugend ist erfrischend und wir tauschen auch über den Morgen aus. „Interkultureller Dialog“ auf besondere Weise: das nicht Verstehbare versuchen, aus der Sicht der albanischen Männer aus den Bergen, zu verstehen und nicht zu verurteilen! Dieses Gespräch findet beim Frühstück an einem kleinen See bei Puka statt. Lukas lenkt das Auto sicher und wir kriechen die Serpentinen hoch. Die Natur ist in voller Kraft und wild da und wir sind Teil davon. Und da ertappe ich mich, wie die Stimmen der zwei Männer in mir zupacken möchten: „Die sind Tropojaner, sie werden gleich rächen, Du forciert es, Du kannst da nicht hin, ein Tropojaner wird nicht versöhnen!“ Da weiss ich aber ganz klar, dass ich tief in mir eine andere Stimme habe: das Vertrauen zu geben, dass ich als Vermittlerin wenigstens gehört werde. Das haben mir die Jugendlichen im Blutrachedrama ja vorgespielt. Und mir fällt ein: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Also…es kann jetzt  kein Zurück geben. Ich bete den Rosenkranz.  So sind wir nach 5 ½ Stunden an dem Ort, der am Ende der Welt zu sein scheint. Vor 21 Jahren war der Mord. Seitdem ist die Familie, die dann ins Tal geflohen ist, isoliert und total verarmt und ohne Hoffnung. Der Jüngste, dem ich vor allem versprach, als Vermittlerin dorthin zu gehen, war noch gar nicht auf der Welt, als sein Onkel schoss und das Unheil über sie brachte.  Er ist jetzt 17 Jahre. Hier in diesem Weiler gibt es nur Kastanien und jedes Gehöft liegt weit vom anderen entfernt. Ich habe das Gefühl, ich höre diesen unseligen Schuss von damals jetzt durch die ruhige Natur hallen und die heisse Luft zerreissen. Und ich habe das Gefühl, dass es jetzt Zeit ist, diesen Schuss von damals endlich zu stoppen. Die Erde ist genug rot. Wir fragen uns durch zum Gehöft von Mark, der seinen Sohn rächen muss, soll, will… was weiss ich. So stehen wir vor einem wackligen Wellblechtor, das ich ein Stückchen öffnen kann. Ich schiebe mich einfach durch.


Die Praktikantinnen bleiben mit Lukas im Auto zurück. Diesen Holperweg nun muss ich alleine gehen. Ich hoffe, dass der Haushund angebunden ist. Ich rufe den Hausherrn unterwegs mit Namen, aber es ist Stille. Es geht noch den Holperweg weiter hoch, mein Rosenkranz perlt mir über die Hand.  Ich bin sehr ruhig und höre auch, wie auf der Seite ein Bach plätschert.  So haben sie Wasser, denke ich. Ich gehe an einem Maisfeld vorbei. „Mark hat Maisbrot“, denke ich.  Dann wird der Steinweg breiter und rechts und links sind Blumen. Ich denke: „Wo Blumen sind, da ist Freude.“ Dann sehe ich das alte Steinhaus und davor sitzt ein alter Mann. Frontal stehe ich 50 Meter vor ihm. Ich bleibe stehen und warte ab. Er guckt, guckt nochmals und steht auf, schlägt das Kreuzzeichen und sagt: „Gelobt sei Jesus Christus!“  ich rufe zurück, „IN EWIGKEIT AMEN!“ und bekreuzige mich auch. Dann frage ich ihn, ob ich weitergehen darf und sage, dass ich in friedlicher Absicht komme. Er sagt: „Der Hund bleibt gebunden“ und ich danke. Dann gehe ich auf ihn zu und begrüsse ihn. Er bittet mich, zum Haus zu kommen an den Sommersitz draussen. Ich spüre, dass ich willkommen bin und in keinster Weise misstrauisch oder feindselig behandelt werde. Dann kommt seine Frau Maria.


Relativ schnell sage ich den Grund meines Kommens. Mark bleibt ganz ruhig, seine Frau auch. Sie erzählen mir nicht von dem Unglück von damals, nichts von „denen da“, die seinen Sohn getötet haben; er sagt schlicht und einfach und schaut mir dabei offen ins Gesicht: „Wir haben gelitten und die haben auch gelitten. Sag ihnen folgendes, Schwester: Wir danken für die Botschaft. Sag ihnen, dass es für uns erledigt ist. Wir haben unser Leben gelebt, sie leben ihr Leben da unten. Wir sind voneinander weit weg und was war, ist geschehen. Sag ihnen, ich möchte mich nicht wieder daran erinnern, es ist erledigt und wir sind zufrieden. Wir möchten es nicht aufleben lassen, es wäre zu schmerzhaft. Es ist in Ordnung. “


Ich frage vorsichtig, ob das bedeutet, dass sie nicht rächen und er nickt, die Frau auch. Mark wiederholt mir, was ich ihnen sagen soll. Ich frage weiter, etwas deutlicher, ob dies bedeutet, es ist versöhnt und sie werden nicht Rache nehmen. Er nickt wieder. Ich sage ihm, dass ihm Gott dies lohnen wird in diesen Tagen seines Alters. Seine Augen leuchten. Seine Frau küsst die Heiligenfigur, die ich mitgebracht habe. Dann sagt Mark: „Schwester, wir haben das Nötige zum Leben: Mais, Gurken, Kastanien, aber wir haben keinen Priester. Ganz, ganz lange hatten wir schon keine Heilige Messe mehr. Du bist hier her gekommen von weit. Gott ist gekommen mit dir.“ Dann weint er und sagt: ich weiss nur noch dieses Gebet und stottert: „Heilige Maria, bitte für uns Sünder“….er weiss es nicht mehr. Da nehme ich ihn an der Hand und seine Frau auch und wir beten das  Ave Maria. Ich segne sie dann noch und beide weinen wieder. Ich habe ein Büchlein vom Barmherzigkeitsrosenkranz mitgebracht und gebe es ihnen. Sie sind glücklich. Dann muss ich gehen. Mark und seine Frau Maria begleiten mich zum Tor. Dann sagt Mark: „Schwester, wir beide haben einen grossen Wunsch: bitte komm wieder im Herbst. Wir haben dann Kastanien und Nüsse. Bitte komm wieder und bete noch einmal mit uns, denn für uns ist es Zeit“.  Tief betroffen gehe ich zum Auto, wo vier wunderbare Menschen auf mich warten und mit mir diesen Weg in die Berge so selbstverständlich gegangen sind.


Und so dürfen wir nun gleich in die Ferien gehen. Und ich wünsche Euch allen, die Ihr den Urlaub vor Euch habt eine erholsame gute Zeit zum Auftanken für Leib und Seele. Gott segne Euch und wir alle hier grüssen Euch dankbar


Eure Sr. Christina

 

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